terrorismus als kommunikationsstrategie
Terrorism is what the bad guys do.
> Brian Michael Jenkins

Das tagesaktuelle Weltgeschehen macht das Thema meiner Diplomarbeit damals so brisant wie heute. Der internationale Terrorismus ist nach wie vor ein höchst präsenter Begriff auf der politischen wie auch auf der Publikums- und Medien-Agenda. Die Terrorberichterstattung gehört zur redaktionellen Tagesordnung. Der kommunikationswissenschaftliche Diskurs des Phänomens, seiner Bedingungen und Folgen wird zur Notwendigkeit für Theoretiker wie Praktiker. Laut Web-Statistik meiner Site erreichen mich nahezu täglich Such-Anfragen zum Thema. Aus diesen Gründen stelle ich meine Diplomarbeit Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Die Terror-Berichterstattung in FAZ und SZ. Eine qualitative Inhaltsanalyse (Universität Bamberg, Fach Kommunikationswissenschaft, 2005) hier auch weiterhin in Auszügen zur Verfügung.
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Terrorismus – Historie, Theorien und Bedingungen des Phänomens
2.1 Kleine Geschichte des Terrorismus: von der Bibel zu Bin Laden
2.1.1 Mord in Gottes Namen: das Attentat der Judit
2.1.2 Die Sikarier-Sekte: Terroristen mit Dolch im Gewande
2.1.3 Die Assassinen: Al-Qaida des Mittelalters?
2.2 „Terror“: Etymologie und frühe Begriffsgeschichte
2.3 Terror als Propaganda der Tat: Dynamit und Rotationspresse
2.3.1 Nährböden des frühen Terrorismus: Revolution und Staatsfeindlichkeit
2.3.2 Propaganda der Tat: Theorie des Terrorismus
2.3.3 Gewalt als Kommunikation: mit Sprengstoff in die Massenpresse
3. Terrorismus – Definitionsversuche eines dynamischen Phänomens
3.1 Der administrative Definitionsansatz
3.2 Der konzeptionelle Definitionsansatz
3.3 Das Terrorismus-Verständnis in dieser Arbeit
4. Terrorismus als Kommunikationsstrategie:
Kommunikator, Botschaft, Rezipient und Wirkung
4.1 Das Opfer als Botschaft: Terrorismus im Stimulus-Response-Modell
4.2 Adressaten und Reaktionen: zwischen Furcht und Sympathie
4.2.1 Der Angegriffene: provoziert und eingeschüchtert
4.2.2 Der „zu interessierende Dritte“: Unterstützer und Legitimitätsspender
4.3 Terrorismus im „flow of communication“
5. Terrorismus als Medienereignis
5.1 Die Nachrichtenwert-Theorie nach Galtung und Ruge
5.2 Terrorismus und Nachrichtenfaktoren
5.3 Konsequenzen aus der „Medienrealität“: Forderungen an Journalisten
6. Djerba, Madrid, Beslan: die Terror-Berichterstattung in FAZ und SZ
6.1 Auswahl der Medien
6.2 Auswahl der Ereignisse
6.3 Bildung des Corpus
6.4 Untersuchungsmethode
6.5 Quantitäten des Corpus und ihre Interpretation
6.5.1 Berichterstattung zu Djerba
6.5.2 Berichterstattung zu Beslan
6.5.3 Berichterstattung zu Madrid
6.5.4 Interpretation der Befunde
6.6 Qualitative Merkmale der Berichterstattung
6.6.1 Legitimität/ Illegitimität der Aktionen
6.6.1.1 Der Anschlag von Djerba
6.6.1.2 Die Anschläge von Madrid
6.6.1.3 Die Geiselnahme von Beslan
6.6.2 Berichterstattung zu Djerba
6.6.2.1 Personalisierung der deutschen Opfer und ihrer Angehörigen
6.6.2.2 Auswirkungen auf den Tourismus
6.6.2.3 Interpretation der Befunde
6.6.3 Berichterstattung zu Madrid
6.6.3.1 Sicherheitslage in Deutschland
6.6.3.2 Auswirkungen auf die Wirtschaft
6.6.3.3 Interpretation der Befunde
6.6.4 Berichterstattung zu Beslan
6.6.4.1 Personalisierung der Opfer und ihrer Angehörigen
6.6.4.2 Interpretation der Befunde
6.6.5 Meta-Berichterstattung:
Thematisieren die Medien ihre Rolle im „Theater des Terrors“?
6.7 Zusammenfassung und Fazit der Analyse

7. Schlussbetrachtung und Ausblick
Literaturverzeichnis (gekürzt)

1. Einleitung

„Although it is somewhat popular to characterize terrorism as the acts of lunatics,
doing so is quite inaccurate.“ (Picard 1993: 13)

Es vergeht derzeit kaum eine Woche, in der die Massenmedien nicht über terroristische Aktionen, Geiselnahmen und Morde berichten, und sei es nur am Rande und in einer kurzen Meldung. Seit dem 11. September 2001 steht die Berichterstattung über islamistisch-fundamentalistisch motivierte Anschläge nahezu auf der Tagesordnung. Der moderne Terrorismus und der Krieg gegen denselben scheinen sich einen festen Platz auf der Medienagenda erobert zu haben, ganz der alten journalistischen Binsenweisheit folgend: „Bad news is good news“. Der Name „Al-Qaida“ als Marke des modernen internationalen Terrors ist in aller Munde und prangt auf sämtlichen Bildschirmen und Titelseiten. Die Verbindung zwischen Terrorismus und den Medien dürfte somit auch dem medien- oder kommunikationswissenschaftlich ungeschulten Betrachter auffallen.

Die Diskussion dieses Zusammenhangs, seiner Bedingungen und Folgen scheint jedoch akademischen Kreisen und einigen journalistischen Praktikern vorbehalten zu sein. In der Öffentlichkeit ist es dagegen allgemein populär, die Aktionen von Terroristen als die Taten Wahnsinniger abzustempeln, die keine sinnvollen Ziele verfolgen. Nun lässt sich über die Bedeutung von „sinnvoll“ trefflich streiten – vor allem dann, wenn der Massenmord von Zivilisten so bezeichnet werden soll – doch sollte man sich hier von ideologischem Ballast befreien und das Phänomen aus der Perspektive des unbewegten Beobachters betrachten. Nur so kann sich ein möglichst objektives, wissenschaftliches Verständnis des Terrorismus offenbaren, das frei ist von moralischen Wertungen.

Um eines klarzustellen: Es soll hier nicht um die Apologie terroristischer Ideologien, Strategien und Aktionen gehen. In einem apologetischen Sinne ist „Verständnis“ hier nicht gemeint. Andererseits führt ebenso die thematische Tabuisierung wie auch die explizite Dämonisierung von terroristischen Akteuren als „Achse des Bösen“ in eine Sackgasse: Verständnis kann so nicht geschaffen werden.

Zum Verständnis der terroristischen Vorgehensweise soll die vorliegende Arbeit insofern beitragen, dass sie Terrorismus als Kommunikationsstrategie begreift: Terroristische Taten sind nicht sinnlos. Terroristen wollen durch ihre Taten Botschaften übermitteln, sie wollen sowohl aufrütteln als auch einschüchtern. Die Frage ist, wie ihnen das gelingt: An welche Zielgruppen richten sich terroristische Botschaften? Welche Effekte streben Terroristen genau an? Welche Rolle spielen dabei die Massenmedien? Wodurch wird die Berichterstattung über terroristische Ereignisse gesteuert, ja nahezu garantiert? Die Nachrichtenwert-Theorie nach Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge (vgl. Galtung/ Ruge 1965) kann hier Antworten liefern.

Mittels einer Inhaltsanalyse von zwei deutschen Leitmedien (FAZ und SZ) soll letztlich untersucht werden, wie umfangreich diese Zeitungen über drei ausgewählte terroristische Aktionen berichten und welche Konsequenzen der Taten sich in der „Medienrealität“ manifestieren.

Alex P. Schmid, Janny de Graaf (vgl. Schmid/ Graaf 1982) und Albert J. Jongman (vgl. Schmid/ Jongman 1988) haben dazu bereits in den 80er Jahren einige bedeutungsvolle Arbeiten aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive vorgelegt, die bis heute zur Standard-Literatur der Terrorismus-Forschung zählen und in beinahe jeder Publikation zum Thema zitiert werden. Die Kopplung des Terrorismus an die Massenmedien im historischen Kontext haben Schmid und Graaf eindrucksvoll herausgearbeitet. Der Kommunikationswissenschaftler Gabriel Weimann (vgl. Weimann 1983) führte diesen Gedankengang fort und untersuchte die Bedeutung „neuer“ Medien wie Fernsehen und Internet in der terroristischen Strategie. Zudem ist hier der Politikwissenschaftler Brian Michael Jenkins (vgl. Jenkins 1975) zu nennen, der in den 70er Jahren den Vergleich des Terrorismus mit einer dramatischen Theater-Inszenierung prägte, welcher bis heute lebendig geblieben ist.

Auffällig ist, dass zur Veranschaulichung der terroristischen Kommunikationsstrategie immer wieder auf das in der Kommunikationswissenschaft inzwischen als überholt geltende Stimulus-Response-Modell zurückgegriffen wird. Der Kommunikationswissenschaftler Robert G. Picard (vgl. Picard 1993) weitete in den 90er Jahren den Blickwinkel, rückte den Terrorismus in das Modell eines Kommunikationsflusses und brachte so die Bedeutung weiterer Kommunikationsformen ein.

Nach dem 11. September 2001 ist der quantitative Umfang der Terrorismus-Literatur sprunghaft angestiegen. Der Soziologe Peter Waldmann (vgl. Waldmann 2003b) und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler (vgl. Münkler 2003) diskutierten seitdem den Strategiewandel im modernen, internationalen Terrorismus. Der Historiker Walter Laqueur (vgl. Laqueur 2004) dagegen näherte sich dem Phänomen der politischen Gewalt von den geschichtlichen Wurzeln über die gegenwärtige Situation bis zu potenziellen Zukunftsszenarien, die so düster gezeichnet sind, dass die Notwendigkeit einer intensiven Beschäftigung mit dem Terrorismus auch für Medien- und Kommunikationswissenschaftler sowie für journalistische Praktiker einleuchtet. Laqueurs besonderer Verdienst ist auch die Sammlung und Herausgabe heute schwer zugänglicher Texte und Manifeste aus terroristischer Feder.

In bewährter Analogie zu vielen grundlegenden Publikationen zum Terrorismus beginnt auch diese Arbeit mit der Betrachtung der historischen Entwicklung des Phänomens (siehe Kapitel 2), da sich bereits in den Frühformen die Strategie erkennen lässt, mittels öffentlich zur Schau gestellter Gewalt bestimmte Botschaften an verschiedene Zielgruppen zu kommunizieren, auf dass diese Botschaften bestimmte Handlungen auslösen oder Einstellungen beeinflussen. Die historische Betrachtung konzentriert sich nicht nur auf das Phänomen, sondern auch auf seine Bezeichnung und sein „Image“ im Wandel der Zeit. Auch wird nicht nur betrachtet, was über Terroristen geschrieben wurde, sondern ebenfalls die theoretischen Ausführungen der Akteure selbst müssen beleuchtet werden, um ihre Strategie („Propaganda der Tat“) und ihren Umgang mit den Medien zu erhellen.

Aus diesen Ausführungen und einigen Terrorismus-Definitionen aus der Literatur wird in Kapitel 3 schließlich ein für diese Arbeit gültiges Terrorismus-Verständnis abgeleitet und begründet.

Die Konsequenzen, die sich aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive aus diesem Terrorismus-Verständnis ergeben, werden in Kapitel 4 dargelegt und diskutiert. Dabei liegen die Schwerpunkte auf den Kommunikatoren und Rezipienten der terroristischen Botschaft, ihren Absichten und Zielen. Hier soll das Phänomen Terrorismus in eine kommunikationswissenschaftliche Theorie eingebettet werden.

Die Rolle der Medien im „Theater des Terrors“ rückt in Kapitel 5 in den Mittelpunkt des Interesses. Anhand der Nachrichtenwert-Theorie wird die Attraktivität terroristischer Ereignisse für die Medien aufgezeigt und die Konsequenzen diskutiert, die sich daraus sowohl für die journalistische Praxis als auch für anti-terroristische Maßnahmen ergeben können.

In Kapitel 6 wird schließlich die Berichterstattung zu drei ausgewählten Terror-Ereignissen (Djerba, Madrid, Beslan) inhaltsanalytisch untersucht. Das Augenmerk liegt dabei sowohl auf quantitativen als auch auf qualitativen Merkmalen der „Medienrealität“. Ein Extra-Intra-Media-Vergleich scheidet jedoch aufgrund mangelnder Daten aus. Stattdessen soll betrachtet werden, in welchen Ressorts sich die Berichterstattung jeweils quantitativ niederschlägt und welche journalistischen Darstellungsformen dabei zum Einsatz kommen. Aus dem Umfang der Berichterstattung und ihrer Präsentation können Rückschlüsse auf die jeweilige Relevanz der Ereignisse in den untersuchten Zeitungen gezogen werden.

Zudem sollen qualitativ weitere Merkmale der Berichterstattung betrachtet werden, deren Ableitung sich aus den theoretischen Ausführungen zum Terrorismus und zu den Nachrichtenwerten ergibt (Legitimität/ Illegitimität der Anschläge, Bedeutsamkeit der Anschläge für die Leser bzw. für deren Sicherheit, Auswirkungen auf die Wirtschaft allgemein und die Reise-Branche im Speziellen etc.).
2. Terrorismus – Historie, Theorien und Bedingungen des Phänomens

„Terrorism is what the bad guys do.“ (Jenkins 1985: 3)

Walter Laqueur meint sinngemäß, eine tiefe Einsicht in das terroristische Phänomen sei unmöglich, ohne sich zuvor zumindest einige Grundkenntnisse seiner historischen Entwicklung erarbeitet zu haben. Wenn die Geschichte auch sicher nicht den magischen Schlüssel zum Verständnis des Terrorismus bereithält, so zeigt sie doch, dass es sich hier um kein statisches Phänomen handelt: Was für die eine Terrorgruppe in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit gültig war, müsse nicht zwangsweise auch für eine andere zu einer anderen Zeit auf einem anderen Kontinent gelten (vgl. Laqueur 2004b: 1). Nur eines hat der Terrorismus als Form der politisch oder religiös motivierten Gewalt immer gesucht: die öffentliche Zurschaustellung seiner Aktionen oder die Anschlusskommunikation daran, ohne die seine Strategie des Schreckens und des Aufrüttelns nicht funktionieren würde.

Außerdem soll hier kurz die Etymologie, Semantik und Begriffsgeschichte des Terrors bzw. des Terrorismus beleuchtet werden, denn „Terror“, „Terrorismus“ und „Terrorist“ waren längst nicht immer so negativ belegt wie im heutigen Sprachgebrauch: Zum Pejorativ entwickelten sich die Begriffe erst im Zeitalter der Massenmedien (Jenkins 1985: 2).

Schließlich sollen einige Theorien des Terrorismus skizzenhaft umrissen und die politischen, sozialen und auch technischen Bedingungen dargestellt werden, auf Basis derer sich diese Theorien ausbildeten, die bis heute – bewusst oder unbewusst – von terroristischen Praktikern in aller Welt angewendet werden. […]
3. Terrorismus – Definitionsversuche eines dynamischen Phänomens

„When we talk about terrorism,
what exactly are we talking about?“ (Jenkins 1975: 13)

Nachdem in den vorhergehenden Kapiteln die historische Entwicklung der Strategie und des Begriffs „Terrorismus“ herausgearbeitet und aufgezeigt wurde, dürfte sich bereits abzeichnen, warum sich die Aufstellung einer universellen Definition so schwierig gestaltet. Aus gutem Grund ist dieses Kapitel deshalb vorsichtig zurückhaltend mit „Definitionsversuche“ überschrieben und nicht etwa mit „Definition“. Denn eines wird diese Arbeit auf keinen Fall leisten können: Endlich eine universale und international anerkannte Definition des Terrorismus-Begriffs zu entwickeln, die dann für immer unwidersprochen im Raum steht. Dergleichen anzunehmen oder zu behaupten, wäre vermessen und realitätsfern, wenn man bedenkt, dass nach über vier Jahrzehnten harter Arbeit in der Terrorismus-Forschung immer noch keine allgemeingültige Definition des Terrorismus in Sicht ist. – Ein Umstand, der eigentlich nicht weiter überraschend ist, denn eine derartige Definition gibt es auch nicht für Faschismus, Kommunismus, Demokratie oder Nationalismus, noch für irgendein anderes politisches Phänomen (vgl. Laqueur 2004a: 346).

Beinahe jeder Terrorismus-Forscher scheint aus seiner jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin eine eigene Begriffsbestimmung entwickelt zu haben. Je nach juristischer, politischer, psychologischer oder moralischer Perspektive auf das Phänomen der politischen Gewalt ergeben sich differenzierte Ansätze und somit auch Ergebnisse: Juristische Definitionen heben die kriminellen Aspekte der Taten hervor und sehen sie als Verletzungen nationaler oder internationaler Gesetze. Politische Definitionen betonen Aspekte, die sich auf politische und militärische Regierungsinteressen beziehen. Psychologische Definitionen akzentuieren die kognitiven Aspekte der Taten, vor allem ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung, und moralische Definitionen beinhalten normative Urteile, die auf sozialen und religiösen Normen und Werten bezüglich des Tötens von Menschen unter bestimmten Umständen basieren (Picard 1993: 10f.).

Auch diese Arbeit wird es nicht leisten können, eine allgemeingültige Terrorismus-Definition aufzustellen, aber ein solches Unterfangen soll hier auch nicht Sinn und Zweck sein. Folglich muss man sich hier auf eine Sammlung einiger ausgewählter Definitionen konzentrieren, um Widersprüche und Gemeinsamkeiten zu finden, auszusondern und zu verdichten, um daraus schließlich eine geeignete Begriffsbestimmung zu entwickeln, die den kommunikationswissenschaftlichen Blick auf den Terrorismus in den Mittelpunkt setzt.

Die hierbei verwendete Literaturbasis aber kann und muss aufgrund der immensen Anzahl von Definitionen, des quantitativ beschränkten Umfangs dieser Arbeit und ihrer eigentlichen thematischen Ausrichtung selektiv und unvollständig bleiben. Ausgewählt wurden daher nur die Definitionen der innerhalb der „scientific community“ prominentesten und meistzitierten Autoren der Terrorismus-Forschung, die seit dem 11. September 2001 – zumindest in Hinsicht auf den quantitativen Umfang der Publikationen – einen immensen Aufschwung erlebt (vgl. Laqueur 2004b: 1).

Terrorismus ist kein statisches Phänomen, sondern einem dynamischen Wandel unterworfen. Die Richtung der Gewalt – ob nun von „oben“ (siehe Robespierre) oder von „unten“ (siehe Judit und „Narodnaya Wolya“) – ist ebenso unterschiedlich wie die Ideologien – von areligiös (siehe Anarchisten) über radikal-demokratisch bis religiös-fundamentalistisch (siehe Al-Qaida) -, die als Legitimation hinter den Gewaltakten verschiedener Gruppierungen stehen. Die Ausprägungen des Terrorismus, seine Intensität, sein politischer und sozialer Kontext, seine Ziele, Täter, Opfer, Methoden, Waffen und auch nicht zuletzt seine juristische und moralische Interpretation und mediale Rezeption sind nicht einheitlich im Laufe der Geschichte und abhängig vom historischen und ideologischen Standpunkt des Betrachters.

Einige Juristen sehen das Kriegsrecht als einen möglichen Ausweg aus dem Definitionsdilemma: Statt immer wieder neu über die Terrorismus-Definition zu verhandeln, schlagen sie vor, dass die Nationen hier das Kriegsrecht anwenden, dem fast alle zugestimmt haben. Demnach sollten Terroristen als Soldaten behandelt werden, die Grausamkeiten bzw. Kriegsverbrechen begehen, und als solche ausgeliefert oder vor Gericht gestellt werden (vgl. Jenkins 1985: 3).

Doch braucht man überhaupt eine gesetzliche Terrorismus-Definition? Selbst die Frage nach der Notwendigkeit wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich beantwortet. In undemokratischen Ländern, meint Walter Laqueur, wo Terroristen oder des Terrorismus Verdächtige ohne langes juristisches Federlesen festgesetzt und auch hingerichtet werden könnten, sei die Definitionsfrage weniger wichtig als für die Strafverfolgung in westlichen Staaten. Doch auch hier würden Terroristen meist für Verbrechen wie Mord und Entführung verurteilt, die sowieso strafbar sind, und nicht aufgrund ihrer worauf auch immer basierenden Ansichten. Von Bedeutung sei die Terrorismus-Definition also nur dort, wo bereits die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung als Verbrechen gilt (vgl. Laqueur 2004a: 349f.) – wie beispielsweise in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Politikwissenschaftler Omar Malik plädiert nachdrücklich für eine gesetzliche Definition des Terrorismus, die allen liberalen Staaten dann als Leitlinie für gemeinsame antiterroristische Maßnahmen gelten könne (vgl. Malik 2000: 1f.).

Ein Blick in die einschlägige Literatur zur Terrorismus-Forschung soll nun den „state of the art“ beleuchten und dabei helfen, eine für die vorliegende Arbeit nützliche Definitionsvariante zu finden, die vor allem den Aspekt der „gewaltsamen Kommunikation“ in der terroristischen Strategie berücksichtigt. […]
4. Terrorismus als Kommunikationsstrategie:
Kommunikator, Botschaft, Rezipient und Wirkung

„Terrorism is aimed at the people watching, not at the actual victims.
Terrorism is theater.“ (Jenkins 1985: 9)

Nachdem in den vorausgehenden Kapiteln knapp die Historie, einige nach Prominenz ausgewählte terroristische Theorien, die Typologie und die verschiedenen Definitionsversuche des Terrorismus allgemein beleuchtet wurden, um ein eigenes konzeptionelles Verständnis des Phänomens zu erarbeiten und andere Ansätze kritisch zu würdigen, so können die oben erarbeiteten Ergebnisse nun weiter ausgebaut und Schwerpunkte gesetzt werden.

Dabei wurde das Verständnis von Terrorismus als Kommunikationsstrategie, das dieser Arbeit zugrunde liegt, bereits basal dargestellt. Diese grundlegende Darstellung in den vorhergehenden Kapiteln war nötig, um die letztendlich abgeleitete Definition zu erarbeiten und schließlich auch zu rechtfertigen. Im Folgenden werden die Ergebnisse ausführlicher unter kommunikationswissenschaftlichen Theorien beleuchtet und diskutiert. […]
5. Terrorismus als Medienereignis

„[T]errorist events supply the media
with the dramatic features of a good story.“ (Weimann 1983: 45)

Schon Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stellte Brian M. Jenkins sinngemäß fest, dass terroristische Anschläge oftmals so sorgfältig choreographiert sind, dass sie die Aufmerksamkeit der elektronischen Medien und der internationalen Presse nahezu anziehen müssen (vgl. Jenkins 1975: 16).

Einer der frühesten medienorientierten Auftritte im „Theater des Terrors“ war der Anschlag während der Olympischen Spiele 1972 in München, mit dem sich radikale Palästinenser durch die Ermordung mehrerer israelischer Sportler im Olympischen Dorf auf blutige Weise die weltweite Aufmerksamkeit erkämpften. Das Thema „Palästina“ bzw. „Selbstbestimmung der Palästinenser“ – zuvor von den westlichen Medien und der öffentlichen Meinung weitgehend ausgeblendet – rückte somit ins internationale Bewusstsein und stand plötzlich im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Bei der Planung von Ort und Zeit des Anschlags hatte die ausführende Terror-Gruppe „Schwarzer September“ genau bedacht, dass Medienvertreter und Übertragungstechnik aus der ganzen Welt in der Nähe waren, um eigentlich über die Spiele zu berichten:

„Reporter, Kameras und andere Einrichtungen des Fernsehens warteten sozusagen auf ihren Einsatz. Die Terroristen mußten sich lediglich der Mikrophone bemächtigen, und ihre Botschaft wurde an mehr als 500 Millionen Fernsehzuschauer übermittelt, die das Drama ‚live‘ verfolgen konnten.“ (Weimann/ Brosius 1989: 329)

Die Bedeutung des Fernsehens für moderne Terroristen vergleichen Schmid und Graaf daher mit der Bedeutung der Rotationspresse für deren Vorläufer in früheren Zeiten:

„What the rotary press did for the nineteenth-century terrorists, television is doing for the contemporary terrorists. The mass circulation papers of the late nineteenth-century could each reach around a million people within twelve hours. Satellite-linked television can today reach around a billion people instantly […]. The possible instant audience for today’s terrorists is, in other words, as big as one quarter of mankind.“ (Schmid/ Graaf 1982: 17)

Ähnlich lässt sich das Kalkül der Al-Qaida-Attentäter vom 11. September 2001 interpretieren: Als sich das zweite Flugzeug rund 20 Minuten nach dem Aufprall der ersten Maschine ins World Trade Center (WTC) bohrte, waren bereits viele Kameras auf die Türme gerichtet, die das Geschehen einfangen und live in alle Welt übertragen konnten (vgl. Waldmann 2003b: 93).

Hinzu kam vielleicht – doch das ist eher spekulativ – die Erwägung, dass das WTC auch als touristische Attraktion sowieso ganztägig im Fokus vieler Video- und Fotokameras von Amateuren stand, auf deren Aufnahmen die Medien später ebenfalls zurückgriffen. Überhaupt scheint das derzeitige Aufkommen des so genannten „Bürgerjournalismus“ oder „citizen journalism“ die Publizität von konsequenterweise stark personalisierten Augenzeugenberichten aus Katastrophengebieten und Krisenregionen erhöhen zu können. Dank immer mehr verbreiteter Mobilfunktelefone mit integrierten Kameras („Multimedia-Handys“), die nicht nur Bilder, sondern inzwischen auch Videos mit Ton in immer besserer Qualität aufnehmen und sofort fast überall hin versenden können, sind die ersten Bilder von einer Naturkatastrophe oder einem Terror-Ereignis nicht mehr von der Präsenz eines professionellen (Bild-)Journalisten abhängig: Der Tsunami in Asien im Dezember 2004 und die Terroranschläge in London Anfang Juli 2005 machten gewöhnliche Augenzeugen zu Reportern, und die „Weblogs“ (d.h. persönliche Online-Tagebücher) von journalistischen Laien avancierten zu wichtigen Nachrichtenquellen, aus denen sich auch die etablierten Medien bedienten (vgl. Stegers 2005: 10). Und obwohl der Ort des Geschehens kaum einsehbar unter der Erdoberfläche lag, als in der U-Bahn von London die Bomben explodierten, und die Sicherheitskräfte Journalisten den Zugang zu den Schauplätzen nahezu unmöglich machten, wurden die Medien dennoch mit Bildern des Anschlags beliefert:

„Niemals zuvor griffen Zeitungen und Fernsehsender so stark auf Filmsequenzen und Fotos zurück, die von Passanten, so genannten ‚Citizen Journalists‘, aufgenommen wurden.“ (Kroder 2005: o.S.)

Viele Medien riefen Passanten sogar aktiv dazu auf, ihr digitales Video- und Fotomaterial zur Verfügung zu stellen, um die Berichterstattung mit Bildern aus erster Hand anzureichern (vgl. ebd.).

Die Bedeutung der sofortigen Präsenz professioneller Journalisten und ihres technischen Apparats könnte also in Anbetracht dieser Entwicklung aus Perspektive der Terroristen zukünftig an Gewicht verlieren. Wenn das „Theater des Terrors“ die ganze Welt ist und überall mit den Medien vernetzte Augenzeugen aufwarten, sind Terroristen nicht mehr sonderlich stark auf die unmittelbare Gegenwart berufsmäßiger Medienvertreter angewiesen, um spektakuläre Bilder für die Berichterstattung zu generieren und zu dokumentieren.

Bleibt die Frage, warum terroristische Ereignisse überhaupt in solchem Maße die Aufmerksamkeit der Massenmedien anziehen. Eine Möglichkeit zur Beantwortung offeriert die Nachrichtenwert-Theorie:

„Wenn man von der Konzeption von Terrorismus als Theaterinszenierung ausgeht, bekommt die Nachrichtenauswahl bei terroristischen Anschlägen eine zentrale Bedeutung. Durch die Analyse der Frage, über welche Anschläge die Medien berichten und über welche nicht, lassen sich die Selektionskriterien der Medien nachzeichnen und damit auch die Art und Weise, wie Terroristen über ihre Anschläge sich selbst und ihrem Anliegen Gehör verschaffen.“ (Weimann/ Brosius 1989: 33)

Daher soll die Beleuchtung der Nachrichtenwert-Theorie nun Gegenstand des folgenden Kapitels sein, bevor mit der Inhaltsanalyse der Berichterstattung zu drei ausgesuchten Terror-Ereignissen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“ begonnen wird. Dabei konzentriere ich mich nach einigen allgemeinen Ausführungen zur Nachrichtenwert-Theorie auf die Nachrichtenfaktoren, die terroristischen Ereignissen insbesondere inhärent sind. […]
6. Djerba, Madrid, Beslan: Die Terror-Berichterstattung in FAZ und SZ

Nach den theoretischen Ausführungen zum Terrorismus als Kommunikationsstrategie soll nun die Berichterstattung zu ausgewählten terroristischen Ereignissen in zwei deutschen Qualitätszeitungen (FAZ und SZ) untersucht werden (zur Auswahl der Medien siehe Kapitel 6.1). Selbstverständlich kann diese inhaltsanalytische Untersuchung keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben, doch sollte sich das Resultat der terroristischen Strategie (d.h. die intendierte Aufmerksamkeit der Massenmedien und wie sich diese im journalistischen Endprodukt manifestiert) aufzeigen lassen.

Zu diesem Zweck wurden drei Terror-Ereignisse der letzten Jahre ausgewählt, die allesamt nach dem 11. September 2001 stattfanden: Die Anschläge von Djerba und Madrid und die Geiselnahme von Beslan. Die Ereignisse und ihre Folgen entsprechen dem in Kapitel 3.3 dargelegten und diskutierten Verständnis von Terrorismus, das aus verschiedenen Definitionen abgeleitet wurde.

Nach der in Kapitel 3.2 erläuterten Terrorismus-Typologie von Picard lassen sich die Ereignisse ferner einstufen in den politisch-sozial motivierten, nicht-staatlichen Terrorismus zur Erreichung eines religiösen Endzieles, da die ausführenden Akteure aus islamistisch-fundamentalistischen Gründen handelten bzw. ihr Handeln auf dieser Basis erklärt wurde. Die Auswahl der Ereignisse wird in Kapitel 6.2 näher erläutert. […]
Literaturverzeichnis (gekürzt)

Galtung, Johan/ Ruge, Mari Holmboe (1965): The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Norwegian Newspapers. In: Journal of Peace Research, 2. Jg. Hf. 2, S. 64-91.
Jenkins, Brian Michael (1975): International Terrorism. A New Mode of Conflict. In: Carlton, David/ Schaerf, Carlo (Hg.): International Terrorism and World Security. London. Croom Helm, S. 13-49.
Jenkins, Brian Michael (1985): International Terrorism. The Other World War. A Project Air Force Report prepared for the United States Air Force. Santa Monica. Rand Corporation.
Kroder, Titus (2005): „Citizen Journalists“ beliefern Presse und Polizei. In: http://www.ftd.de/pw/eu/13862.html
Laqueur, Walter (2004a): Krieg dem Westen. Terrorismus im 21. Jahrhundert. Berlin. Ullstein.
Laqueur, Walter (Hg.) (2004b): Voices of Terror. Manifestos, Writings and Manuals of Al Qaeda, Hamas, and other Terrorists from around the World and throughout the Ages. New York. Reed Press.
Malik, Omar (2000): Enough of the Definition of Terrorism. London. Royal Institute of International Affairs.
Münkler, Herfried (2003): Grammatik der Gewalt. In: Hitzler, Ronald/ Reichertz, Jo (Hg.): Irritierte Ordnung. Die gesellschaftliche Verarbeitung von Terror. Konstanz. UVK, S. 13-29.
Picard, Robert G. (1993): Media Portrayals of Terrorism. Functions and Meaning of News Coverage. Ames. Iowa State University Press.
Schmid, Alex P./ Graaf, Janny de (1982): Violence as Communication. Insurgent Terrorism and the Western News Media. London. SAGE Publications.
Schmid, Alex P./ Jongman, Albert J. (1988): Political Terrorism. A New Guide to Actors, Authors, Concepts, Data Bases, Theories and Literature. Amsterdam. North-Holland Publishing Company.
Stegers, Fiete (2005): Die Laien kommen. In: Journalist. Das deutsche Medienmagazin, 55. Jg. Hf. 8, S. 10-13.
Waldmann, Peter (2003b): Das terroristische Kalkül und seine Erfolgsaussichten. In: Schluchter, Wolfgang (Hg.): Fundamentalismus, Terrorismus, Krieg. Weilerswist. Velbrück Wissenschaft, S. 87-109.
Weimann, Gabriel (1983): The Theater of Terror. Effects of Press Coverage. In: Journal of Communication, 33. Jg. Hf. 1, S. 38-45.
Weimann, Gabriel/ Brosius, Hans-Bernd (1989): Die Attraktivität von Gewalt. Über welche internationalen Terroranschläge berichten die Medien?. In: Publizistik. Vierteljahreszeitschrift für Kommunikationsforschung, 34. Jg. Hf. 3, S. 329-339.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s