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Massenmord an Armeniern vor 100 Jahren
Deutschlands „Beihilfe zum Völkermord“
Stand: 20.02.2015 05:22 Uhr

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Während des Ersten Weltkriegs starben Hunderttausende armenische Christen im Osmanischen Reich. Was wusste der deutsche Verbündete über den Massenmord? Sehr viel, ist der Autor Jürgen Gottschlich überzeugt. Berlin seien die eigenen Kriegsziele aber wichtiger gewesen.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Was wusste Deutschland? Was tat Berlin? Das Kaiserreich und das Osmanische Reich waren während des Völkermordes an den Armeniern Verbündete. Sie waren Waffenbrüder als in Ostanatolien Hunderttausende armenische Christen starben.

Aus der Korrespondenz deutscher Offiziere und Diplomaten mit dem Auswärtigen Amt in Berlin werde deutlich, dass die Deutschen über die Ereignisse im Bilde waren, stellt der Publizist Aydin Engin fest. Er sagt: „Man kann nicht sicher behaupten, die Deutschen hätten die Deportation geplant und umgesetzt. Aber sicher ist, dass sie es wussten, weggesehen und sich auf die Seite des Osmanischen Reiches geschlagen haben.“

Enge Zusammenarbeit zwischen dem Kaiserreich und dem Osmanischen Reich

Der deutsche Einfluss auf die Regierung war groß: Generalstabschef der türkischen Streitkräfte war General Friedrich Bronsart von Schellendorf. Operationschef des türkischen Heeres war Otto von Feldmann. Der deutsche Marineattaché Hans Human war eng mit dem allmächtigen Kriegsminister und Deportationsbefürworter Enver Pascha befreundet.

So eng war die Freundschaft, sagt der Buchautor Jürgen Gottschlich, dass er ihn jederzeit überall aufsuchen konnte. „Human war durchdrungen davon, ein gemeinsames deutsch-türkisches Projekt sei die Grundlage für Deutschlands ‚Platz an der Sonne'“, erläutert Gottschlich in Hinblick auf die damalige Kolonialpolitik nach dem Vorbild Großbritanniens und Frankreich. Marineattaché Human habe das Potenzial des Osmanischen Reiches besser als alle andern gekannt, ist der Autor überzeugt.

Zusammen mit den „Jungtürken“ könne Deutschland zur Weltmacht werden, habe Human gedacht. Für dieses Projekt habe Human gelebt – und war offenbar bereit, den Massenmord hinzunehmen. „In einer ganz zynischen Anmerkung zu einem Bericht eines deutschen Konsuls aus Mossul, der sich darüber aufgeregt hat, wie die Leichen den Tigris runterkamen, schrieb Human an den Rand: ‚Ja, ist hart, aber nützlich.'“

Tod von Armeniern „hart aber nützlich“

Der massenhafte Tod christlicher Armenier sei „hart aber nützlich“ – diese handschriftliche Bemerkung hat Jürgen Gottschlich auf einem Dokument im deutschen Militärarchiv in Freiburg gefunden. Dort hat der 60-jährige Türkei-Korrespondent der „tageszeitung“ unzählige Briefe, Dokumente und Depeschen deutscher Diplomaten und Militärs gesichtet, die vor 100 Jahren Dienst im Osmanischen Reich taten.

„Es gab eine deutsche Beteiligung bei der Planung der Deportation. Die Deutschen haben das politisch abgewehrt. Sie haben die Deportation und Vernichtung, die ihre osmanischen Partner durchgeführt haben, politisch gedeckt und geschützt“, ist der Journalist überzeugt. Im entscheidenden Moment hätten sie den türkischen Autoritäten sagen können „Hört auf damit“. Aber sie hätten es nicht gemacht, weil sie Angst gehabt hätten, die eigenen Kriegsziele zu gefährden, so Gottschlich. „Sie hätten das stoppen können.“

Völkermord oder Deportation?

Die Türkei verwahrt sich bis heute entschieden gegen den Vorwurf des Völkermords. In den Wirren des Ersten Weltkriegs habe es viele Tote gegeben – Armenier und Muslime. Niemand habe Armenier absichtlich ins Verderben geschickt.

Der türkische Publizist Aydin Engin widerspricht diesen Aussagen: „Nein, nein, nein. Das war reine Absicht. Geplant.“ Der Plan habe nicht darin bestanden, die Armenier mit Kind und Kegel zu vernichten, sondern sie mit Mann und Maus aus ihren angestammten Siedlungsgebieten zu entfernen, führt Engin aus. Während der Deportation seien unzählige Menschen ausgeraubt und erschlagen worden, Frauen wurden vergewaltigt, Kinder geraubt.

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Die armenische Hauptstadt Jerewan. Im Hintergrund der Berg Ararat, der in der Türkei liegt. | Bildquelle: dpagalerieSollten die Armenier vernichtet oder „nur“ deportiert werden? Blick auf die armenische Hauptstadt Jerewan. Im Hintergrund der Berg Ararat, der in der Türkei liegt.
„Ich glaube nicht, dass es den Plan gab, die Armenier während der Deportationsmärsche zu töten. Jedenfalls gibt es dazu keine Dokumente. Wichtig war der Obrigkeit, sie aus Anatolien zu vertreiben. Sie wurden in die syrische Wüste bei Deir Zor geführt. Die Armenier wurden nicht daran gehindert, von Deir Zor aus nach Libanon und Jordanien und von dort aus weiter nach Europa und in die USA auszureisen. Alles, was man wollte, war, dass sie Anatolien verlassen. Das war das Ziel.“

„Bevölkerungsaustausch“ mit Griechenland

Diese Politik sei schon vor dem Krieg geplant worden, erklärt dazu der türkische Historiker Taner Akçam. „Es war keine Politik des Völkermords. Es war keine Politik der totalen Auslöschung von Christen. Es war eine Politik, Mittel und Wege zu finden, um die Christen Anatoliens loszuwerden. Im Fall der Griechen war das leicht. Da ist ein Land, du steckst sie auf Schiffe und schickst sie nach Griechenland.“

Diese Vertreibung geschah dann nach dem griechisch-türkischen Krieg Anfang der 1920er-Jahre im Zuge eines „Bevölkerungsaustauschs“. Griechen aus Anatolien gingen nach Griechenland, Türken aus Griechenland in die Türkei.

Vor dem Ersten Weltkrieg lag der christliche Bevölkerungsanteil Anatoliens bei 25 bis 30 Prozent – also etwa vier bis fünf Millionen Menschen. Im 19. Jahrhundert hatte das Osmanische Reich rund 60 Prozent seines Herrschaftsgebiets eingebüßt. Während der Balkankriege 1912 und 1913 verlor es dann mehr als 80 Prozent seiner europäischen Gebiete. Dort lebten mehrheitlich Christen und die ansässigen Muslime wurden von den neuen Machhabern in großer Zahl Richtung Kleinasien vertrieben. Die in Istanbul herrschende Partei für Einheit und Fortschritt befürchtete Schlimmstes für den anatolischen Kern des schrumpfenden Reiches.

Christen als „Tumor“ im Osmanischen Reich

„Nach dem Verlust des Balkans glaubten sie, die Zeit sei nun reif für das gleiche Szenario in Anatolien, wo eine große christliche Minderheit beheimatet war“, so Akçam. Die Christen Anatoliens seien als potenzielle Gefahr angesehen worden, der man entschieden begegnen müsse. Die Armenier hätten ursprünglich nach Russland abgeschoben werden sollen. Doch Russland war Kriegsgegner und die osmanischen Kriegsherren hätten gefürchtet, die Armenier würden sich der russischen Armee anschließen, meint der türkische Historiker.

„Sie haben den Begriff ‚interner Tumor‘ benutzt. Als wäre ein Bakterium im Körper, das entfernt werden müsste“, sagt Akçam. „Sie waren zunehmend davon überzeugt, dass die Tolerierung der osmanischen Christen zum nationalen Zusammenbruch führen würde. Dann haben sie durch eine Reihe von Entscheidungen die ethno-religiöse Homogenisierung Anatoliens beschlossen.“

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Armenische Christen vor der Heilig-Kreuz-Kirche auf Aghtamar | Bildquelle: dpagalerieDie Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien sind noch immer konfliktreich. Es gibt auch Entspannungssignale: 2010 durften Armenier in der Heilig-Kreuz-Kirche auf Aghtamar eine Messe feiern. (Archiv)
Berlin war informiert

Die Deutschen am Bosporus seien voll im Bilde über den Tod Hunderttausender Armenier gewesen, sagt Autor Gottschlich. Der deutsche Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim habe Warnrufe, Protestenoten und Depeschen aus vielen osmanischen Städten erhalten.

„Wenn man vorsichtig ist, kann man sagen, dass Wangenheim zu Beginn im April 1915, als die Deportationen gesetzlich verankert wurden, noch davon ausgegangen ist, dass es wirklich darum ging, Leute aus der Kriegszone zu deportieren, sie wirklich woanders anzusiedeln, aber nicht umzubringen“, so Gottschlich. Dies habe sich aber nach zwei Monaten geändert. Dies habe Wangenheim auch in Briefen ans Auswärtige Amt und auch an den Reichskanzler formuliert. Wörtlich habe der Diplomat im Juli 1915 geschrieben: „Man muss davon ausgehen, dass das, was da passiert, auf die Vernichtung der armenischen Rasse abzielt.“

Berlin reagierte nicht. Die deutsche Führung hatte Angst, einen Verbündeten zu verlieren. Man führte in Europa einen Zweifrontenkrieg und brauchte die Front im Nahen Osten zur eigenen Entlastung. Ein Ausscheren des Osmanischen Reiches wäre ein schlimmer Schlag für die deutschen Kriegsziele gewesen.

Metternich regte Sanktionen an

Doch es regte sich auch Widerstand gegen die Ignoranz in Berlin. Nachdem von Wangenheim gestorben war kam Paul Graf Metternich als Botschafter an den Bosporus. Dieser habe vorgeschlagen, der osmanischen Führung Sanktionen anzudrohen, wenn die Vernichtung nicht gestoppt werden, erzählt Gottschlich. Außernminister Gottlieb von Jagow sei nicht abgeneigt gewesen, aber Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sei strikt dagegen gewesen.

Gottschlich führt aus: „Metternich war anders als Wangenheim. Er hat tatsächlich versucht, den Völkermord zu stoppen. Er war vorher in London Botschafter gewesen. Er guckte mehr aus der anglo-amerikanischen Perspektive auf den Konflikt, wusste um die Proteste in der westlichen Welt gegen den Genozid und wollte wirklich, dass die Deutschen den stoppen.“ Metternich habe entsprechende Vorschläge gemacht, sei in Berlin aber von ganz oben ausgebremst worden – von Reichskanzler Bethmann Hollweg. Dieser habe wohl gedacht: „Wieso sollen wir uns mit unseren Bündnispartnern anlegen, um Armenier zu retten? Das machen wir auf gar keinen Fall. Wir brauchen die Türken.“

Reichsführung verfolgte „Größeres“

Nur wenige Deutsche setzten sich für die zum Tode verdammten Armenier ein. Unter ihnen stach Johannes Lepsius hervor, der Sohn des berühmten Ägyptologen Karl Lepsius. „Er hat sich sehr stark dafür eingesetzt, dass man in Berlin erkennen sollte, dass die Armenier auch ein wichtiger Bündnispartner für das deutsche Projekt sein könnten. Er war kein Kriegsgegner. Lepsius fand es aus christlichen Gründen, aber gleichzeitig auch politisch völlig unklug, sich an der Vernichtung der Armenier zu beteiligen“, sagt der „taz“-Korrespondent Gottschlich. Lepsius sei aber mit seinen Versuchen „völlig aufgelaufen“.

Deutschland, folgert Gottschlich in seinem Buch „Behilfe zum Völkermord“ hätte das politische Gewicht sowie wirtschaftliche und militärische Argumente gehabt, das Massensterben der Armenier zu stoppen. Die Reichsführung aber glaubte, Größeres verfolgen zu müssen. Der Mord an den Armeniern erschien nicht nur Hans Human als „hart, aber nützlich“.

Deutschlands Beihilfe zum Völkermord an den Armeniern
R. Baumgarten, ARD Istanbul
20.02.2015 00:49 Uhr

Download der Audiodatei Mehr zu diesem Thema:
Erdogan spricht Armeniern Beileid aus, 23.04.2014
Deutschlands Verwicklung in den Völkermord, R. Baumgarten, ARD Istanbul | audio

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