ARD-Exklusivinterview mit Edward Snowden
snowden-interview104~_v-modPremiumHalb

„Ich habe dem öffentlichen Wohl gedient“

Der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden hat seine Überzeugung bekräftigt, dass seine Enthüllungen dem öffentlichen Wohl dienten. In seinem ersten Interview seit seiner Flucht sagte er im Interview mit dem NDR-Journalisten Hubert Seipel, es werde „immer klarer, dass diese Offenbarungen keinen Schaden angerichtet haben“. Die Öffentlichkeit habe ein Recht zu wissen, was die Regierung in ihrem Namen tue – „und was die Regierung gegen die Öffentlichkeit tut“.

Die US-Regierung habe in Sachen NSA immerhin „erste Zugeständnisse“ gemacht. Und die Spähprogramm hätten noch keinen einzigen Terrorangriff verhindert.

snowden362~_v-teaserM

Ex-Geheimdienstler Snowden im Gespräch mit der ARD
Interview

Edward Snowden

Der Ex-NSA-Mitarbeiter äußert sich im Exklusiv-Gespräch über seine Enthüllungen, Wirtschaftsspionage und Todesdrohungen. | ndr

„Die Sache auf eine befriedigende Weise zu Ende bringen“

Es werde schwierig sein, „einen Feldzug gegen jemanden fortzusetzen, von dem in der Öffentlichkeit die Meinung vorherrscht, dass er für das öffentliche Wohl arbeitet“, sagte er mit Blick auf seine Lage. Snowden hat in Russland vorübergehendes Asyl bekommen. Er würde nach eigenen Worten die Gelegenheit begrüßen, mit der US-Regierung darüber zu reden, „wie wir diese Sache auf eine für alle Seiten befriedigende Weise zu Ende bringen können“.

Zu der Aufforderung von Präsident Barack Obama, er solle sich der US-Justiz stellen, sagte Snowden, das Spionagegesetz von 1918 verbiete es ihm, sich vor einem öffentlichen Gericht zu verteidigen: „Es ist bezeichnend ist, dass der Präsident sagt, dass ich mich vor einem Gericht verantworten soll, auch wenn er weiß, dass so ein Prozess nur ein Schauprozess wäre.“

Er selbst sei nun nicht mehr im Besitz des brisanten Materials, sondern habe es ausgewählten Journalisten und somit der Öffentlichkeit übergeben. Einfluss auf mögliche Veröffentlichungen nehme er nicht.

Mehr zum Thema

Snowden-Interview auf Deutsch zum Nachlesen | pdf

Interview mit Hubert Seipel: „Snowden ist gigantisch zielstrebig“ | ndr

Edward Snowden: Gespräch unter konspirativen Umständen | ndr

„Enge Zusammenarbeit zwischen NSA und BND“

Snowden bezeichnete die Zusammenarbeit der NSA mit dem Bundesnachrichtendienst (BND) als „eng“. Sie tauschten nicht nur Informationen aus, sondern teilten auch Instrumente und Infrastruktur: „Sie arbeiten gegen gemeinsame Zielpersonen, und darin liegt eine große Gefahr.“ Ob der BND Daten deutscher Bürger direkt und bewusst an die NSA liefere, könne er zwar nicht sagen – in jedem Fall erhalte die NSA aber deutsche Daten.

„Millionen und Millionen und Millionen von Datenverbindungen aus dem täglichen Leben der Deutschen, ob sie mit ihrem Handy telefonieren, SMS Nachrichten senden, Webseiten besuchen, Dinge online kaufen – all das landet bei der NSA“, sagte Snowden. Die Vermutung liege nahe, dass der BND sich dessen „in gewisser Weise bewusst ist“.

Man wisse auch, dass die NSA Kanzlerin Angela Merkel überwacht habe. Er halte es nicht für sehr wahrscheinlich, dass sie das einzige deutsche Regierungsmitglied oder die einzige deutsche Persönlichkeit gewesen sei.

PRISM NSA Snowden Dossier
Dossier

Grenzenlose Spionage

Wie die NSA Freunde und Feinde ausspähte und welche Folgen das hat. | mehr

„Regierungsvertreter wollen mich töten“

Snowden berichtete auch von deutlichen Drohungen gegen ihn. „Regierungsvertreter wollen mich töten“, sagte er.

Als Beleg führte Snowden einen Artikel auf der Internet-Plattform „buzzfeed“ an: Mitglieder des Pentagon und der NSA hätten dem Reporter erzählt, dass sie Snowden umbringen wollten. „Diese Leute, und das sind Regierungsbeamte, haben gesagt, sie würden mir nur zu gerne eine Kugel in den Kopf jagen oder mich vergiften, wenn ich aus dem Supermarkt komme und dann zusehen, wie ich unter der Dusche sterbe.“

Snowden wirft USA Wirtschafsspionage vor

Snowden bekräftigte auch seine Überzeugung, dass die USA auch ausländische Wirtschaftsunternehmen ausforschen. Aus seiner Sicht sei dies überhaupt keine Frage. US-Geheimdienste forschten eben nicht nur Politiker und andere Bürger aus: „Wenn es etwa bei Siemens Informationen gibt, die dem nationalen Interesse der Vereinigten Staaten nutzen, aber nichts mit der nationalen Sicherheit zu tun haben, dann nehmen sie sich diese Informationen trotzdem“, sagte er.

Erst vor wenigen Tagen hatte eine NSA-Sprecherin betont, dass der Geheimdienst nicht in Wirtschaftsspionage verwickelt sei. Hintergrund war ein Bericht der „New York Times“, dass der US-Geheimdienst Computer mit Funkwanzen präparieren würde. Zuvor hatten deutsche Politiker gefordert, ein mögliches No-Spy-Abkommen mit den USA solle auch einen Verzicht auf Wirtschaftsspionage beinhalten.

Snowden sagte weiter sein Fall zeige „die Gefahren der Privatisierung hoheitlicher Aufgaben“. Er sei zwar früher auch CIA-Mitarbeiter gewesen, viel häufiger habe er aber für private Unternehmen gearbeitet: „Das bedeutet, dass privatwirtschaftliche, gewinnorientierte Unternehmen hoheitliche Aufgaben übernehmen wie beispielsweise Spionage, Aufklärung, Unterwanderung ausländischer Systeme. Und jeder, der das privatwirtschaftliche Unternehmen davon überzeugen kann, dass er über die erforderlichen Qualifikationen verfügt, wird eingestellt.“ Die Aufsicht sei minimal und es werde kaum geprüft.

Stand: 26.01.2014 23:17 Uhr

Mehr zu diesem Thema:

Snowden-Interview auf Deutsch zum Nachlesen | pdf

Snowden exklusiv – Das gesamte Interview als Video | ndr

Video mit Snowden: Regierungsvertreter wollen mich töten“ | ndr

Kommentar: T. Berbner, NDR, zur Bedeutung Snowdens | video

Weltatlas | Russland

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s