Von Johannes Korge

AP / SANA

Experten vermuten ein gewaltiges Arsenal chemischer Waffen in Syrien – von Sarin bis zum Nervengift VX. Diktator Assad könnte die Kampfstoffe gegen Aufständische einsetzen. Eine weitere Gefahr: Stürzt sein Regime, stehen Terroristen bereit, um die Giftlager zu plündern.
Damaskus – Verlässt man die syrische Millionenstadt Aleppo und fährt rund 20 Kilometer in südöstlicher Richtung durch die Wüste, erreicht man die schwerbewachten Tore von al-Safir. Hinter Stacheldraht und Zäunen soll sich der tödlichste Trumpf des Assad-Regimes verbergen. Internationale Beobachter vermuten auf der Militärbasis einen erheblichen Teil der chemischen Waffen des Landes.

Das Problem: Syrien ist als eines von wenigen Ländern nie der Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons (OPCW) beigetreten. Diese führt seit 1997 Buch über die weltweiten C-Waffen-Arsenale – aber eben nur von Mitgliedsländern. Entsprechend vage sind die Informationen über das tatsächliche Ausmaß des Assad-Arsenals.

Was allerdings an Augenzeugenberichten – vor allem von Überläufern der syrischen Armee – und aus Geheimdienstkreisen durchsickert, ist mehr als beunruhigend. Seit den achtziger Jahren baut das Regime in Damaskus demnach systematisch seinen Bestand an C-Waffen aus – und schult seine Streitkräfte im Umgang mit den tödlichen Chemikalien.

Laut CIA umfasst das Arsenal große Mengen von Senfgas, das zu schweren Hautschäden führen kann. Noch gefährlicher ist das Nervengift Sarin, das sich in Assads Giftkammer befinden soll. Der Kampfstoff ist bereits in kleinen Dosen tödlich. Der weltweit operierende Militärberater IHS Jane’s vermutet zudem, dass sich in Assads Arsenal auch das Nervengift VX befindet. Dieses lähmt die Atemwege und führt binnen Minuten zum Tod. Nach Informationen der CIA sind die syrischen Streitkräfte in der Lage, Bomben, Artilleriegeschosse oder sogar ballistische Raketen mit Teilen dieser Kampfstoffe zu bestücken.

Neben dem Standort al-Safir im Norden des Landes sollen sich laut BBC auch in der Nähe von Damaskus und der Rebellenhochburg Homs Lager mit chemischen Kampfstoffen befinden. „Bisher sind sie noch nicht im Feld und werden von Spezialeinheiten bewacht. Ob beides auch so bleibt, ist allerdings fraglich“, sagte Charles Blair von der Federation of American Scientists.

Zwei Szenarien bereiten den Beobachtern Sorge:

■Diktator Assad könnte die C-Waffen gegen die Aufständischen im Land einsetzen. Der Machthaber steht mit dem Rücken zur Wand. Immer wütender wird die Gegenwehr der syrischen Rebellen, immer größer der Druck des Westens. Gleichzeitig verschärft sich das Vorgehen der syrischen Streitkräfte drastisch. Die Berichte über Massaker an Zivilisten sorgten international für schärfste Kritik. Kinder werden laut Uno von den Soldaten als menschliche Schutzschilde eingesetzt. Seit der vergangenen Woche kursieren Meldungen, dass nun auch Kampfhubschrauber Einsätze gegen die Zivilbevölkerung fliegen. Letzte Eskalationsstufe könnten die chemischen Waffen sein.

■Noch gefährlicher wäre laut Einschätzung von Beobachtern jedoch die Phase unmittelbar nach einem möglichen Sturz von Präsident Assad. In dem zu erwartenden Chaos könnte die Bewachung der Arsenale vernachlässigt werden – und die tödlichen Chemikalien in fremde Hände geraten.

Es gilt als wahrscheinlich, dass Mitglieder des Terrornetzwerks al-Qaida in Syrien operieren. Mitte Mai hatte es in Damaskus zwei gewaltige Sprengstoffanschläge gegeben, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon vermutete Qaida-Terroristen unter den Drahtziehern. Das Netzwerk hat mehrfach dazu aufgerufen, sich am Kampf gegen das Assad-Regime zu beteiligen. Zerbricht dessen Terrorherrschaft, ist im Land zumindest kurzfristig mit chaotischen Verhältnissen zu rechnen.

al-Qaida, Hisbollah oder Hamas als mögliche Abnehmer

Dies könnten die Qaida-Mitglieder nutzen, um sich Zugriff auf die Massenvernichtungswaffen zu verschaffen. „Das wäre das absolute Alptraum-Szenario“, sagte Ayham Kamel zu Reuters. Für die Eurasia Group, einem der weltgrößten Berater für politische Risiken, beobachtet er den Konflikt im Nahen Osten.

Doch auch die Hisbollah im Libanon oder die Hamas im Gaza-Streifen könnten im Fall eines Kollapses in Syrien Interesse an den Kampfstoffen anmelden. Gelingt es einer dieser Gruppen, C-Waffen in ihren Besitz zu bekommen, würde dies die Machtverhältnisse in der ohnehin instabilen Region weiter verschieben.

Entsprechend nervös blicken die USA und das verbündete Israel auf den Konflikt. Nach dem Debakel im Irak, wo trotz angeblich präziser Geheimdienstinformationen keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, sind die US-Militärs jedoch vorsichtig geworden. Trotzdem gibt es einen Notfallplan, der unmittelbar nach einem Umsturz in Syrien in Kraft treten soll. Laut „Washington Post“ wären neben den USA noch mindestens sechs weitere Nationen beteiligt.

Eine zentrale Rolle sollen dabei US-Spezialeinheiten spielen. Diese könnten im Ernstfall in kürzester Zeit die Sicherung der hochsensiblen Waffenlager übernehmen. Offiziell äußert sich das Pentagon jedoch nicht zu möglichen Vorbereitungen für die Post-Assad-Ära in Syrien.

Situation viel komplizierter als in Libyen

Als ein Bespiel für das Vorgehen nach dem Regime-Sturz kann Libyen gelten. Auch das Gaddafi-Regime hatte einen Vorrat an chemischen Waffen angelegt – die nach dem Fall des Diktators gesichert werden konnte. Allerdings ist die Situation in Syrien ungleich komplizierter. Das Assad-Arsenal ist nach Geheimdienstschätzungen deutlich größer, die Lagerorte sind lediglich ungefähr bekannt. Während Libyen „nur“ größere Mengen Senfgas bunkerte, sitzt Syrien auf deutlich gefährlicheren Kampfstoffen. Diese sind vermutlich in kleinere Mengen aufgeteilt, etwa in Sprengköpfe, – und so schwerer zu kontrollieren.

In der vergangenen Woche hatte der israelische Vize-Regierungschef Mosche Jaalon erklärt, noch seien die chemischen Waffen in Syrien sicher. Wie angespannt die Regierung in Jerusalem, die selbst einen Beitritt zur OPCW verweigert, jedoch den Nachbarstaat beobachtet, zeigt eine einfache Zahl. Umgerechnet rund 20 Millionen Dollar steckte die Regierung zuletzt in die Refinanzierung einer maroden Fabrik. Dort werden Gasmasken produzier

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