von PD Dr.Dr. Ümit Yazıcıoğlu, Mag.,iur.

Es besteht ein ernstzunehmendes Bemühen der Europäischen Union eine gemeinsame Identität für Europa zu konstruieren.

Die grundlegende Frage, die angesichts der einer Bestimmung der „Europäischen Identität“ gestellt werden muss, lautet: ist die EU überhaupt auf eine gemeinsame Identität angewiesen?“. Die auf wirtschaftlicher Zusammenarbeite fußenden Integrationsmaßnahmen – wie die Montanunion, und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft-, habe auch ohne eine „gemeinsame europäische Identität“ funktioniert. „Einen Binnemarkt“, so Jaques Delors, „kann man [aber] nicht lieben“. Und so beweisen das „europäische Kulturabkommen“ von 1954 sowie die „Erklärung zur europäischen Identität“, vor allem aber die Bemühungen eine gemeinsame europäische Verfassung zu schreiben, dass Bestreben der EU mehr sein wollen, als ein abstraktes institutionelles Gefüge.

Die Union will von ihren Bürger legitimiert und akzeptiert werden, und dass muss sie auch, will sie sich langfristig als politische Union etablieren und als solche auch funktionieren. Dr. Angelos Giannakopoulos meint dazu in einem Vortrag vom 27.05.2003, dass ein Übergang stattfinden müsse, vom Modell einer institutionellen, ökonomisch- rechtlichen Union, hin zu einem Modell einer vernetzten und dezentralen Integration, die unter anderem, auch kulturell zu bestimmen sei.

Auf der Suche nach einer „europäischen Identität“, nach den gemeinsamen „Prinzipien, Konstanten, Kontinuitäten und Gleichförmigkeiten eines gemeinsamen kulturellen europäischen Erbes“, wurden verschiedene Diskurse geführt, die sich auf unterschiedliche „Gemeinsamkeiten“ beriefen. Allein an der Vielzahl der „Identitätskonzepte“ lässt sich das Bemühen erkennen, eine gemeinsame Identität zu bestimmen, vielmehr zu konstruieren. Gleichzeitig aber auch die Uneinigkeit darüber welches nun das identitätsstiftende Moment der Mitglieder der Europäischen Union ist oder besser sein soll.
In den verschiedentlich geführten Diskursen, geht es weniger darum, Europa als einen geographischen Raum zu begreifen, sondern als eine normative Größe. Das Angebot an Identitätskonzepten ist in seinen Einzelheiten reichlich, in ihrem Minimalkonsens aber beziehen sich die meisten auf die Vergangenheit, um aus der Geschichte, sei sie nun politisch oder geistesgeschichtlich aufgearbeitet, den Kern des „spezifisch europäischen“ zu filtern, der bis heute und auch in Zukunft durch die Gesellschaft hindurch wirkt und sie zusammenhält.

Obwohl es nur eine überschaubare Anzahl von Veröffentlichungen gibt, die die inhaltliche Prägung der europäischen Gesellschaft durch das Christentum zu begründen suchen, soll dieser Ansatz dennoch kurz vorgestellt werden. In Bezug auf das Thema erscheint dieser Ansatz relevant, denn formuliert man das Christentum als das identitätskonstituierende Element Europas, beinhaltet das gleichsam ein Ausschlusskriterium für die Entscheidung über die Aufnahme der Türkei.

a) Christliches Europa
Obwohl sich in keinem der offiziellen Dokumente der EU auch nur ansatzweise Bezüge auf die Religion finden lassen, spielt der Rückgriff auf das Christentum eine Rolle als das einheitsstiftende Moment. Nach dieser Argumentation, gründete die geistige Einheit Europas seit je her auf der Idee „einer sich zu Christus bekennenden Völkergemeinschaft, die pluralistische Elemente integriert“

Das soll nicht bedeuteten, dass die christliche Kirche auch heute die maßgeblichen Lebensorientierung der meisten Menschen in Europa sei und so tatsächlich den Horizont einer gemeinsame Identität begründen könne. Vielmehr stelle das Christum die spezifisch kulturelle Vorraussetzung unter der sich die europäische Geistesgeschichte mit ihren Errungenschaften erst herausdifferenzieren konnte. Mit Errungenschaften sind diejenigen Grundprinzipien und Werte gemeint, die den modernen Nationalstaat ausmachen.

Der Rekurs auf das christliche Erbe dient die Grenzen Europas zu definieren und seine Abgrenzung nach außen zu rechtfertigen. „Die Türkengefahr und der Einbruch des Islam […] wird vom Ende der Antike bis in die frühe Neuzeit zu eigentlichen geistigen Gegenspieler Europas,“ und bliebe so bis heute das spezifisch nicht – europäische.
Die Bezeichnung „christliches Abendland“ als Synonym für Europa impliziert das gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen meint es den Teil der Welt, der sich unter dem christlichen Einfluss entwickelt hat, zum anderen ist das Abendland, der Gegensatz zum Morgenland, dem Orient. Dieses Verständnis „europäischer Identität“ schließt also ganz klar alle diejenigen aus, deren Entwicklung ihren Ursprung nicht im Christentum fand und zum „Orient“ gehören; also auch die Türkei.

Ich stellte in meiner Abhandlung über „Die Bedeutung der Religion für eine europäische Identität“ fest, dass die gemeinsame christliche Prägung der europäischen Länder prinzipiell die wesentlichen Merkmale kollektiver Identität erfüllen könne. Allerdings sei dieses Identitätsangebot nicht in der Lage die „europäische Gemeinschaft auf einem Grundkonsens zusammenzuführen und somit die erwünschte Legitimation politischer Herrschaft zu begründen.“ Mit dem Bild eines christlichen Europas nämlich, würden sich die Bürger in sehr unterschiedlicher Leidenschaft identifizieren können. Zum kämen so die Brüche zwischen den verschiedene Kirchen Europas zum Vorschein, zum anderen würde es für weite Teile der europäischen Gesellschaft die sich selber als nicht- christlich empfinden unmöglich sein ein derartiges Bild hinzunehmen, und auf regen Widerstand stoßen.

Auch für Navid Kermani erscheint der Rückgriff auf die Religion als äußerst problematisch. Europa verstehe sich als ein grundsätzlich säkulares Projekt. Und gerade weil diese Werte säkular sind, seien sie auch an keine bestimmte Herkunft oder Religion gebunden. „Wer mit der Rede vom christlichen Abendland ein islamisches Land für per se uneuropäisch erklärt, macht aus Europa eine Religion, beinah eine Rasse und stellt das Vorhaben der europäischen Aufklärung auf den Kopf.“

Für Edgar Morin besteht die Grundlage Europas vielmehr aus dem Verlust aller Grundlagen (Reich, Mittelmeer, Christenheit). „Die Europäische Identität liegt im Werden, und in der Methamorphose“. Weder kulturell- etwa hinsichtlich der religiösen Grundprägung – noch politisch gäbe es eine Einheit, die Europa ausmachte: Das Judentum, das Christentum, der Islam haben ihren Anteil, und politische hieße Europa zwar Toleranz und „Recht, aber auch Gewalt, zwar Demokratie, aber auch Unterdrückung, zwar Spiritualität, aber auch Materialität, zwar Mäßigung, aber auch Maßlosigkeit“

b) Der dialogische Ansatz einer europäischen Identität
Der dialogische Identitätsansatz begreift Identität nicht als etwas substantielles, sondern etwas rationales, prozeßhaftes. Er versteht Identität nicht als eine analytische, sondern als eine zu erklärende Kategorie.
Kulturelle Fragmentierungen, Spaltungen und Polaritäten waren und sind innerhalb des europäischen Kontinents allgegenwärtig. Anstrebungen die kulturelle Identität Europas zu bestimmen, führen unentwegt zu der Erkenntnis, dass „Europas sich einfachen Definitionsversuchen entzieht. Zu kompliziert und zu widersprüchlich sind die historischen Entwicklungslinien; zu vielschichtig die politischen und kulturellen Erfahrungen, als dass man dies alles auf einfache plakative Formeln verkürzen könnte.“

Europa mag wohl als Idee durch die Jahrhunderte europäischer Geschichte hinweg existiert haben, als Topos einer gemeinsamen kulturellen Identität aber existiert es sicherlich kaum. Sie ist kein Zustand, der bereits durch Traditionen oder Schicksal gegeben, geschweige denn gesichert wäre. Der Begriff „europäische Identität“ in Bezug auf ein historisch und kulturell verklärtes „Europa“ verkürzt außerdem den Tatbestand, und geht an der tatsächlichen Fragmentierung europäischer Identitäten vorbei, die sowohl nationaler als auch regionaler Natur sind. Die Europäische Identität wird auch weiterhin ein nationalstaatliches gefasstes Konglomerat von Kulturen sein, deren gemeinsame kulturelle Identität immer wieder partiell herzustellen ist.

Das muss und kann aber innerhalb der EU nicht in einer dialektischen Vorgehensweise geschehen, in der die Identität als eine unauflösliche Einheit zwischen Selbstheit und Andersheit gedacht wird und auf supranationaler Ebene versucht wird, anhand von gemeinsamen Merkmalen eine gesellschaftliche Kollektivierung zu konstruieren, also primordiale homogene Räume zu schaffen.

Im Gegensatz dazu, sind es einer „dialogischen“ Verstehensweise zu folge gerade gegensätzliche, reflexive, transfunktionale und plurale Prinzipien, die Europa in gewissem Sinne „kulturgenetisch“ ausmachen. „Dialogisches Verhältnis zwischen den einzelnen Bestandteilen des europäischen Integrationsprozess bedeutet somit, dass diese sich verändern, wandeln, stets in Bewegung befinden.“ Das dialogische Modell lässt den Ausgang des immerwährenden Interaktionsprozesses offen.

So muss die vielbeschworene Formel der „Einheit in Vielfalt“, in entscheidendem Maße erweitert werden: „Der europäische Genius liegt nicht nur in der Vielfalt und im Wandel, sondern im [Wechselverhältnis] dieser Vielfalt […], [im] befruchtende[n] aufeinandertreffen von Unterschieden, Antagonismen, Konkurrenzen und Komplementaritäten.“
Annäherung und Assimilation soll demnach nicht durch Abgrenzung nach außen und zwanghafte Homogenisierungsversuche nach innen entstehen, sonder durch eine Vermittlung der Wertbeziehungen nationaler Kulturen. Die Idee einer streng autarken europäischen Kultur wäre ebenso verhängnisvoll wie die einer streng autarken nationalen Kultur. Gemeinsamkeit ist nicht interessanter als Unterschiede: „In der kulturellen Gemeinschaft zählt nicht die Gleichheit, sondern die komplementäre Unterschiedlichkeit. Die Menschen suchen bei ihrem Nachbarn etwas, das verwandt genug ist, um verstanden zu werden, fremdartig genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, und groß genug, um Bewunderung zu fordern.“

Fazit
Daraus ergibt sich, dass die europäische Identität eine stets neu zu konstruierende sei, die aus einem interkulturellen praxisbezogenen Dialog entstehen soll. „Da nicht deterministisch, lässt dieser Prozess freien Raum für geschichtliche Gestaltung und Kreativität.“ Angelos Giannakopulous versteht den Dialog als einen Lernprozess, der eine Modifizierung und Umwandlung von Identitätskonzeptionen bewirken könne. Identitätsbildung käme dadurch zustande, indem „problemorientiertes Kommunizieren und Handeln gemeinsame Horizonte und Erfahrungen und damit Gemeinschaften schafft.

Die gemeinsam übernommene Verantwortung für angestrebte Problemlösung generiert Solidarität. Die Geschichte gemeinsam bewältigter sozialer Problemlagen konstituiert im Laufe der Zeit eine demokratische politische Tradition und ein Kollektivbewusstsein.“

Eine Gemeinschaft der Bürger in der EU kann nicht auf der Basis einer „fiktiven“ historischen Identität aufgebaut werden, sondern nur auf gemeinsamen „Zukunftsvisionen“ von Menschen unterschiedlicher Kultur, denen es bewusst ist, dass sie den historischen Verlauf gemeinsam gestalten und die Grundwerte der Europäischen Union anerkennen.

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