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Von Björn Hengst, Göttingen

Getty Images

Katja Kipping und Bernd Riexinger heißen die neuen Linke-Parteichefs – und das ist ein Erfolg für Oskar Lafontaine. Er konnte verhindern, dass der Reformer Dietmar Bartsch an die Spitze rückt. Der Preis dafür ist hoch: Die Gräben zwischen den gegnerischen Lagern sind tiefer als zuvor.

Es sind Szenen wie bei einem Boxkampf in der Göttinger Lokhalle, kurz vor der nächsten Runde. In einer Ecke des Saales versammeln sich am Samstagabend Vertreter der ostdeutschen Linken, um über den zweiten Wahlgang auf dem Parteitag zu beraten. Gegenüber, in einer anderen Ecke, steht eine große Gruppe von Genossen aus dem Westen. Auch sie haben ihre Köpfe zusammengesteckt.

„Die wollen jetzt Sahra ins Rennen schicken“, sagt einer der Ost-Genossen. Es sind zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Minuten bis zur zweiten Abstimmung. Gerade hat Katja Kipping die Wahl zur Parteivorsitzenden gewonnen, im zweiten Durchgang geht es um die Bestimmung des Co-Chefs – und es scheint zwischenzeitlich alles möglich, auch eine spontane Kandidatur von Sahra Wagenknecht.

Für die Ost-Linken wäre das die endgültige Kampfansage der West-Linken gegen ihren Wunschkandidaten Dietmar Bartsch. Aber Wagenknecht sorgt dann selbst für ein Ende der Gerüchte und Spekulationen. Sie wolle „nicht die Polarisierung auf die Spitze treiben“, erklärt die 42-Jährige. Wagenknecht bleibt indes stellvertretende Parteivorsitzende der Linken. Am frühen Sonntagmorgen erhielt sie 57,14 Prozent der Stimmen.

Die Auseinandersetzung zwischen den gegnerischen Parteiflügeln hat da längst eine Schärfe erreicht, die sich manche Genossen vor ihrem Treffen in Göttingen nicht vorstellen mochten. Die Konfliktlinie verläuft vor allem zwischen Ost und West, zwischen Linken, die sich für eine Zusammenarbeit mit der SPD stark machen und jenen, die in den Sozialdemokraten weiter einen entscheidenden Gegner betrachten.

Riexinger erklärte seine Kandidatur erst wenige Tage vor dem Parteitag

Im zweiten Wahlgang stehen dann Bartsch und sein Kontrahent Bernd Riexinger für diesen Streit. Der Ostdeutsche Bartsch will „Bündnispartner“ für die Politik der Linken finden und erklärt in Göttingen, dass ein „Wir-gegen-alle“ seiner Partei falsch sei. Riexinger, Gewerkschafter aus Baden-Württemberg, fordert, dass die Linke sich auf ihre Ziele besinnen müsse. Die in der Vergangenheit lautstark geforderten Ziele der Linken waren vor allem ein Nein zu Hartz IV, ein Nein zur Rente mit 67 und ein Nein zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr.

Riexinger hatte seine Kandidatur erst wenige Tage vor dem Parteitag erklärt. Der Freund von Oskar Lafontaine war zuvor von dem Saarländer zu diesem Schritt ermuntert worden, nachdem der 68-Jährige selbst seine Pläne für eine Kandidatur zurückgezogen hatte. Lafontaines Rückzieher war eine wochenlange Auseinandersetzung mit Bartsch vorausgegangen. Er wollte den früheren Bundesgeschäftsführer zum Rückzug seiner Bewerbung bewegen – aber Bartsch weigerte sich.

Sieben Minuten bekommen Bartsch, Riexinger und zwei weitgehend unbekannte Kandidaten für ihre Vorstellung am Samstagabend. Sieben Minuten – dann wird eine Glocke geläutet, um den Redner zum Ende des Vortrags zu bringen.

Bartsch hält eine starke Rede. Vorwürfe, er wolle sich der SPD anbiedern, seien verleumderisch, erklärt er unter dem Beifall vieler Ost-Linker. Er wolle raus „aus den strömungspolitischen Gräben“. Seine Vorstellung von seiner Arbeit als Parteichef: Er wolle „zuhören, nicht verkünden“, ein Signal für Dialogbereitschaft. Wenig später folgt Riexinger. Er hat weniger rhetorische Erfahrung als der Bundestagsfraktionsvize, das wird in Göttingen deutlich. Riexinger spricht unter anderem über den „permanenten Existenzkampf“ vieler Arbeitnehmer, über schlecht bezahlte Jobs für Erzieherinnen – es klingt mehr nach Wahlkampfrede als nach einer Bewerbung für den Chefposten der Partei. Aber der Rückhalt für Riexinger bei den West-Delegierten ist hoch.

Lafontaine klatscht bei fast jedem Satz Riexingers. Eine Wahl von Bartsch? Undenkbar für den Saarländer. Lafontaines Verhinderungskommando war damit allerdings noch nicht beendet. Er schickte Riexinger ins Rennen – und der Plan geht auf.

West-Delegierte stimmen die „Internationale“ an

53,1 Prozent erhält Riexinger, Bartsch kommt auf 45,2 Prozent. Mehrere West-Delegierte stimmen daraufhin die „Internationale“ an. Eine Provokation für die Ost-Delegierten, manche von ihnen pfeifen.

Es ist ein später Sieg für Lafontaine – und eine herbe Niederlage für Bartsch, der sich 2010 von seinem Posten als Bundesgeschäftsführer zurückgezogen hatte. Damals war ihm Illoyalität gegen den damaligen Parteichef Lafontaine vorgeworfen worden. Bartsch hat diese Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Der Abstimmungserfolg für das Lafontaine-Lager hat allerdings einen hohen Preis: Ost und West in der Linken sind in Göttingen eher weiter auseinandergedriftet als zusammengewachsen. Immerhin, es gibt auch Kritik eines Parteilinken an dem Auftreten des eigenen Lagers. Es sei kein guter Stil gewesen, den Wahlerfolg Riexingers mit dem Anstimmen der Internationale zu feiern, sagt Wolfgang Gehrcke. „Man darf niemanden demütigen.“

Solche Warnungen hat es bei den Genossen in der Vergangenheit immer wieder gegeben. In Göttingen kommt sie zu spät.

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