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von Rechtsanwalt Professor Dr. Konrad Redeker, Bonn

In dem soeben erschienenen Buch mit gleichnamigem Titel sind 43 Lebensbilder hervorragender deutscher Juristen jüdischer Herkunft chronologisch zusammengefaßt, die mit Sigmund Zimmern (1796-1830) beginnen und mit Robert Kempner (1899-1993) enden. Sie lassen Bedeutung und Einfluß dieser Persönlichkeiten auf die deutsche Rechtspflege und Rechtsgeschichte ungewöhnlich eindrucksvoll erkennen. Die Lebensbilder werden durch drei Querschnittsbeiträge ergänzt. Sie stellen generell die Arbeitsbereiche und das Wirken jüdischer Juristen vor 1869/1871 und danach bis zum Ende der Weimarer Zeit dar und behandeln schließlich Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung nach 1933. Das Buch gibt zu vielerlei Gedanken Anlaß. Einigen dieser Gedanken wird in diesem Beitrag nachgegangen.

I. Einleitung

60 Jahre nach dem Beginn der Vertreibung “deutscher Juristen jüdischer Herkunft“ aus dem deutschen Rechtsleben ist in dem hier zu betrachtenden Buch ein Werk erschienen, das eigentlich in die Hand jedes Juristen gehört, um in ruhigen Stunden über die deutsche Rechtsgeschichte der letzten 150 Jahre nachzudenken. Er wird sich zahlreicher Persönlichkeiten bewußt werden, die diese Rechtsgeschichte wesentlich geprägt haben und die man einmal aus ihr entfernen wollte. Er wird sich Gedanken darüber machen, was es bedeutet, daß sie in der Nachkriegszeit in weitem Maße gefehlt haben. Er sieht sich aber auch dem jeweiligen Einzelschicksal gegenüber, das zu Vertreibung und in manchen Fällen zu Vernichtung geführt hat.

Göppinger zur Fussnote 1 hat in der zweiten Auflage seines Buches “Juristen jüdischer Abstammung im Dritten Reich, Entrechtung und Verfolgung”, wohl die umfassendste Übersicht über solche Schicksale nach 1933 gegeben. In seinem Buch ist für jedermann nachzulesen, was zwischen 1933 und 1945 möglich war. Das jetzt erschienene und hier anzuzeigende Sammelwerk baut in vieler Hinsicht auf den Forschungen von Göppinger, natürlich auch auf solchen vieler anderer Autoren auf. Sein Ziel ist spezieller, aber auch umfassender. Es soll das Wirken bedeutender deutscher Juristen jüdischer Herkunft in der Zeitspanne eines knappen Jahrhunderts rechtswissenschaftlicher, richterlicher und rechtspraktischer Tätigkeit, letztere insbesondere als Rechtsanwalt, aufzeigen. Es behandelt deshalb nicht nur Juristen, über die das Jahr 1933 hereingebrochen ist, sondern setzt im 19. Jahrhundert an.

Es werden die Lebensläufe chronologisch nach dem Geburtsjahr geordnet, insbesondere aber juristische Tätigkeit und juristisches Werk von 43 Persönlichkeiten dargestellt. Allen Beiträgen ist ein Bild beigefügt zur Fussnote 2 . An der Spitze stehen Siegmund Zimmern, von Thibaut gefördert und schließlich Universitätsprofessor in Heidelberg, und Eduard Gans, Zeitgenosse und heftiger Kritiker der historischen Rechtsschule und damit Savignys, Professor in Berlin. Ihnen folgt bereits eine eingehende Auseinandersetzung mit und um Friedrich Julius Stahl, vielfach als Schöpfer preußisch-konservativen Staatsrechts und Staatslehre angesehen. Das Buch schließt mit den Lebensbildern von Hermann Heller, Albert Hensel und – nach Erscheinen des Buches verstorben – Robert Kempner. Ihr durchaus unterschiedliches Denken, Tätigkeit und Lebenslauf sind für die Weimarer Zeit besonders charakteristisch. Kempner, schon vor 1933 als preußischer Staatsbeamter in Wort und Schrift im politischen Kampf gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus, nach 1945 Ankläger in Nürnberg, in der Folgezeit in Frankfurt niedergelassener Rechtsanwalt, immer wieder vor neuem Radikalismus warnend. Hensel als mehr stiller Gelehrter, der dem Steuerrecht seine rechtsstaatlichen Grundlagen gibt, Kunst und Recht zu verbinden sucht und 1931 die Lehre von den Grundrechten als wertentscheidenden Grundsatznormen entwickelt. Auf ihr beruht das Bild der grundrechtsbestimmten Wertordnung, wie sie das BVerfG praktiziert. Heller schließlich mit seiner nachdrücklich vertretenen Lehre vom demokratischen und sozialen Staat, die zunächst mit seinem frühen Tod nach der Emigration verloren gegangen zu sein schien. Seit einiger Zeit rückt sie zunehmend in den Mittelpunkt modernen staatsrechtlichen Denkens und zeigt, daß weniger von Carl Schmitt und auch nicht von Rudolf Smend in der Weimarer Zeit die grundlegenden, in die Zukunft weisenden Ideen über Staat, Staatslehre und Staatsrecht gedacht worden sind. Das Bild des “sozialen Rechtsstaates” des Grundgesetzes ist, auch wenn die Väter der Verfassung sich der Weiterführung der Ideen Hellers kaum bewußt gewesen sein mögen, ohne ihn kaum denkbar.

Dazwischen große Namen des deutschen Rechtslebens, mit denen auch die heutigen Generationen noch konkrete Vorstellungen verbinden, Martin Wolff etwa, Georg Jellinek, Erich Kaufmann oder Max Hachenburg. Andere, nicht minder bedeutend, sind aber doch nur noch einem kleineren Kreis gegenwärtig. Schließlich Juristen, an die zu erinnern schon deshalb notwendig ist, weil ein gewichtiges Werk sonst vergessen zu werden droht. Es sind nicht nur Rechtswissenschaftler, obwohl sie die weitaus größte Zahl stellen; es sind auch einige Richter und Rechtsanwälte dabei, schließlich auch Verwaltungspraktiker. Die Herausgeber waren sich dieses zahlenmäßigen Mißverhältnisses bewußt. Es ist aber Folge einmal der in Deutschland verbreiteten Präponderanz der Rechtswissenschaft gegenüber der Rechtsanwendung, der unseligen Gräben zwischen Theorie und Praxis, die trotz aller Bemühungen bis heute weitgehend unverändert fortbestehen. Zum anderen aber auch Folge der unvermeidlichen Tatsache, daß Wirken und Werk von Richtern, Rechtsanwälten und Verwaltungsjuristen sich nicht notwendig literarisch niederschlagen. Ihr Werk besteht in gelebter Rechtspraxis, die sicher nicht selten auch über ihre Zeit hinausreicht, aber kaum greifbar und darstellbar ist. Nirgends wird dies deutlicher als in dem Verlust der jüdischen Rechtsanwälte, die die deutsche Anwaltschaft nach 1933 erlitten hat. Keinem juristischen Beruf fehlte beim Neuanfang nach 1945 der Geist der jüdischen Kollegen so wie den Anwälten; das Bild der deutschen Anwaltschaft nach 1945 wäre ohne diesen Verlust vermutlich ein anderes. Sie würde sich entschlossener und risikobereiter den Anforderungen heutiger Zeit an moderne Formen der Rechtsberatung stellen, statt sich in ständigen Rückzugsgefechten um Besitzstandsbewahrung zu verzetteln.

Drei vorzügliche Querschnittsbeiträge, die sich mit der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert (Rürup) und generell mit dem Wirken Juristen jüdischer Herkunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (Landau) befassen und schließlich den Weg von der Entrechtung zur Verfolgung und Vernichtung (Benz) nachzeichnen, stellen die einzelnen Beiträge in die historischen Zusammenhänge. Sie geben gleichzeitig Gelegenheit, auf zahlreiche weitere Persönlichkeiten zu verweisen, die in dem Werk nicht selbständig behandelt werden, weil es sonst auch den Raum von schon fast 900 Seiten, die das Buch umfaßt, sprengen würde.

Dieser Beitrag soll sich nicht mit Einzelheiten befassen; er will auch bewußt nicht zu den Einzeldarstellungen sich äußern und Kritik oder Zustimmung ausdrücken. Das Werk als Ganzes gibt zu mancherlei Gedanken Anlaß. Einige sollen hier angedeutet werden.

II. Religiöser und völkischer Antisemitismus

Der Titel des Buches war für die Herausgeber ein Problem. Denn mit der Einordnung der behandelten Persönlichkeiten als deutsche Juristen “jüdischer Herkunft“ mußten sie notwendig auf eine Eigenschaft abstellen, die mit dem Lebenswerk an sich nichts zu tun hat. Die Juristen haben im und am deutschen Recht gearbeitet; sie unterschieden sich in nichts von ihren Kollegen an Universität, Gerichten, Anwaltschaft oder Verwaltung. Mußte nicht durch die Auswahl als deutsche Juristen “jüdischer Herkunft“ eine Selektion vorgenommen werden, die gerade aus dem Ungeist des Nationalsozialismus stammt?

Die Herausgeber haben sich – mit Recht – über diese Sorge hinweggesetzt. Denn anders konnten Thematik und Inhalt kaum umrissen werden.

Wichtiger erscheint, daß eine solche Selektion keineswegs ein Produkt der Zeit nach 1933 gewesen ist. Fast alle genannten Juristen sind in ihrem beruflichen Lebenslauf mit ihrer jüdischen Herkunft konfrontiert worden, gleich, ob im 19. oder im 20. Jahrhundert. Was aus heutiger Sicht eigentlich kaum verständlich, aber auch kaum erträglich erscheint, machen diese Lebensläufe deutlich. Staat, Öffentlichkeit und Kollegen (Konkurrenz!) wußten, daß es sich um Persönlichkeiten jüdischer Herkunft handelte; sie interessierten sich hierfür. Ganz offensichtlich wurde nach dieser Herkunft gefragt, sie wurde geprüft; sie war auf jeden Fall bekannt; man zog hieraus negative Konsequenzen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es erkennbar praktisch unmöglich, als Jude in den Staatsdienst oder auch nur an eine Universität als Universitätsprofessor berufen werden zu können. Zimmern, Gans und Stahl etwa konnten erst dann eine Professur erhalten, als sie sich taufen ließen. Trotz aller Emanzipation, trotz der bekannten Salons berühmter jüdischer Frauen war der religiöse Antisemitismus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unübersehbar. Die Taufe scheint in dieser Zeit in der Regel den “Makel” der jüdischen Herkunft beseitigt zu haben. Eduard v. Simson, evangelisch getauft, konnte 1848 Präsident der Deutschen Nationalversammlung, 1871 Präsident des Deutschen Reichstages und 1879 Präsident des Reichsgerichts werden. Der religiöse Antisemitismus verliert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Daß er mindestens in den großen christlichen Kirchen latent auch weiter vorhanden blieb, lehrt das weitgehende Schweigen der Kirchen zu der Entrechtung und Vernichtung der Juden nach 1933. Offener Widerspruch hat sich nicht am 9. 11. 1938, sondern erst später bei Bekanntwerden der Euthanasie artikuliert.

Abgelöst wird der religiöse Antisemitismus von der noch viel unerfreulicheren Form des völkischen, später des rassistischen Antisemitismus. Für diesen Antisemitismus ist die Taufe naturgemäß ohne Bedeutung. Allein die jüdische Herkunft ist maßgeblich. So ist für den Enkel von Eduard v. Simson, Rechtsanwalt Prof. Ernst Wolff, nach 1933 in Deutschland kein Platz mehr; er fällt unter die nationalsozialistischen Bestimmungen und verläßt, seines Berufs beraubt, Deutschland 1939. Daß er 1947 zurückkehrt, ist für die junge neue Demokratie ein Glücksfall; er wird Präsident des OGH Britische Zone, ist Wiederbegründer des Deutschen Juristentages und wird dessen Ehrenpräsident. Rassischer Antisemitismus wird auch sehr bald von Aggressionen begleitet. Er beschränkt sich nicht auf verbale Haßtiraden wie etwa bei der Ernennung Wilhelm Kroners zum Richter am Preußischen Oberverwaltungsgericht zur Fussnote 3 . In der Weimarer Zeit häuften sich bereits lange vor 1933 entsprechende Auftritte und Tumulte an den Universitäten (etwa bei der Berufung von Hans Kelsen nach Köln). Die Gerichte und die Anwaltschaft bleiben dagegen hiervon noch im wesentlichen unberührt. Unterschwelliger Antisemitismus wird freilich in manchen Entscheidungen sichtbar, typisch etwa der zweimalige Ausschluß von Hans Litten als Verteidiger 1932 im sogenannten Felseneck-Prozeß zur Fussnote 4 . In den Gremien etwa der Anwaltschaft, DAV und Kammern, sind führende jüdische Kollegen unangefochten vertreten. Im Januar 1933 unterlagen bei Wahlen zu solchen Gremien die späteren “Führer” der Anwaltschaft mit ganz geringen Stimmenanteilen. Der Deutsche Juristentag hält sich vom Antisemitismus frei. Zahlreiche der im Buch behandelten Juristen haben auf Juristentagen vor wie nach dem 1. Weltkrieg Gutachten erstattet oder Referate gehalten, sie waren Mitglieder der Ständigen Deputation (z. B. Ernst Wolff, Hugo Sinzheimer, Hermann Staub). Der DJT löst sich deshalb auch 1933 auf, weil er der sonst unvermeidlichen Gleichschaltung entgehen will. Kann man sagen, daß heute die jüdische, wie überhaupt die Herkunft eines Juristen kein Thema mehr ist, weil es ausschließlich auf den Menschen, seine Persönlichkeit und sein Werk, nicht aber auf seine Abstammung, ebenso aber auch nicht auf seinen religiösen Glauben ankommt? Man möchte es hoffen. Daß dies nicht Vergessen der Vergangenheit bedeutet, ist selbstverständlich.

III. Lebensläufe: Spiegelbild der allgemeinen bürgerlichen Gesellschaft

Trotz ihrer jeweiligen Schwierigkeit, die religiöser oder völkischer Antisemitismus mit sich bringen, fühlen sich die jüdischen Juristen mit ganz seltenen Ausnahmen als Glieder der Gesellschaft und Gemeinschaft, in der sie leben und arbeiten. Sie wirken, wenn sie in die Universität einmal aufgenommen sind, in ihren Gremien mit und werden auch nicht selten zu Rektoren oder Dekanen gewählt. Sie werden in die Gerichte integriert und erreichen schließlich auch hohe Stellungen. Nicht nur v. Simson als Reichsgerichtspräsident, sondern auch Richard Mansfeld etwa, Senatspräsident am Reichsgericht, war als bedeutender Richter unbestritten. Er hat mit der Übernahme der Lehre von der Geschäftsgrundlage in die Judikatur seines Senats eine der wichtigsten zivilrechtlichen Weiterentwicklungen begründet. Anwälte wie Alsberg, Friedländer, Hachenburg, Magnus oder Staub waren in der Anwaltschaft hoch angesehen, sie bekleideten zahlreiche wichtige Ämter. Magnus hat als Schriftleiter der JW aus dieser die führende juristische Fachzeitschrift seiner Zeit gemacht. Alsberg, Hachenburg und Staub vereinigten jeweils in ihren Fächern Praxis und Wissenschaft auf höchstem Niveau; Friedländer wird zum Wegführer der Fortentwicklung des anwaltlichen Berufsrechts. Feuchtwanger befaßt sich als erster monographisch mit dem Wesen der freien Berufe.

Wichtiger und in der Zusammenstellung der Lebensbilder besonders auffallend ist, daß sie ein Spiegelbild der allgemeinen bürgerlichen Gesellschaft ihrer Zeit, natürlich in ihrer Auswahl auf hoher Ebene, darstellen.

Es ist im 19. Jahrhundert die Welt des kulturell und geistig hochstehenden Bürgertums, das sich bis weit in das 20. Jahrhundert trotz aller Brüche erhält. Ihm empfinden sich fast alle als zugehörig. Die akademische Stellung ist hoch angesehen; die Universitätsprofessur ist Berufs- und Lebensziel. Für sie ist der Einzelne berufen. Die Ausübung ist dabei ganz unterschiedlich; es steht der stillere Fachgelehrte (so etwa Fritz Pringsheim) neben dem Vortragenden mit breit ausstrahlender Faszination (so wohl etwa Martin Wolff). Es steht der primär forschend arbeitende Hochschullehrer neben dem Didaktiker und demjenigen, der die Ergebnisse seines Forschens und Denkens ausbreitet und in die Praxis eingeführt sehen will.

In die geistigen Auseinandersetzungen ihrer Zeit sind die Persönlichkeiten voll einbezogen; am Anfang im Streit zwischen der historischen Rechtsschule und neuen Strömungen; später in der Auseinandersetzung um den Neukantianismus (Erich Kaufmann; Hermann Kantorowicz). An dem Ringen um eine in sich geschlossene Rechtsordnung, wie es die Jahrhundertwende kennzeichnet, sind sie auf allen Seiten beteiligt; die Ableitung des Rechts in den abstrakten Rechtssätzen wie aber auch in den Einzelentscheidungen aus dogmatischen Grundlagen reicht bis in das Staatsrecht hinein (Laband). Sie wird ebenso vertreten wie die Lehre von der Bildung und Ausgestaltung des Rechts durch äußere Einflüsse, durch Interessen, durch soziale Entwicklungen, durch die Rechtskultur (Ernst Rabel; Hermann Kantorowicz). Für alle Richtungen entstehen aus der Feder und den Worten dieser 43 Juristen maßgebliche Beiträge; vielfach sind sie auch ihre führenden Vertreter. Aber auch, wenn man ihr Denken über das rein Juristische hinaus politisch einordnen wollte, würde man fast alle wesentlichen Meinungen finden. Monarchistisch-konservativ gibt sich das Staatsrecht von Stahl und national-konservativ wird man noch die Publikationen von Erich Kaufmann bis in den Ersten Weltkrieg hinein einzuordnen haben – nicht von ungefähr hat er über Stahl promoviert -. Am anderen Ende der politischen Möglichkeiten steht Ferdinand Lasalle als Gründer des Deutschen Arbeitervereins im Jahre 1863. Dazwischen lassen sich alle politischen Schattierungen feststellen. Aber nur selten kommt es zu aktiver Mitgliedschaft in politischen Parteien, auch hier ganz der bürgerlich-geistigen Welt entsprechend (Ausnahmen etwa: Hugo Sinzheimer, Hugo Preuss, Hermann Kantorowicz). Aber es läßt sich das politische Vorverständnis für das juristische Werk oft nicht übersehen. Daß sich frühzeitig dabei die rechtsstaatliche Bindung als eine wesentliche Forderung zeigt, liegt vielleicht in der Natur des Berufs. Auch Georg Jellinek präferiert keinesfalls den “Machtstaat”, wie dies nicht ganz selten angenommen wird, sondern ist um die Einordnung und Begrenzung solchen Machtstrebens, das er als Faktum anerkennt, bemüht. In der Weimarer Zeit findet man die jüdischen Juristen stärker auf der Seite der Republik und um ihre Erhaltung kämpfend als ihre anderen Kollegen; aber auch hier reicht das Spektrum wohl bis in die deutsch-nationale Volkspartei hinein. Das Bürgertum des 19. und des 20. Jahrhunderts war vaterländisch gesonnen; auch bei aller teilweisen Kritik an dem Wilhelminischen Größenwahn und damit den Auswüchsen des Nationalismus bleibt der Patriotismus davon unberührt. Dem entspricht offensichtlich auch die selbstverständliche Beteiligung als Soldat im 1. Weltkrieg. Der Patriotismus war, wie Landau schreibt, durch Weltbürgertum und Rechtskultur der Humanität geprägt, er war von Liberalität getragen. Das eigene Erleben wird diesen Zug zur Liberalität besonders begründet haben.

Ein Letztes fast Abschweifendes: Spiegelbild sind die Lebensläufe auch darin, daß es sich ausschließlich um Männer handelt. Der eigentümlich konservativen Grundhaltung, die wohl uns Juristen eigen ist, entspricht es, daß praktisch erst nach dem 1. Weltkrieg die juristische berufliche Laufbahn für Frauen geöffnet wird. So würde vermutlich als große Juristin jüdischer Herkunft erst Frau Erna Scheffler zu nennen sein. Die Bedeutung ihres juristischen Wirkens liegt aber erst in der Zeit nach 1945, also jenseits der Zeitgrenze, die sich die Verfasser des Buchs gesetzt haben. Wie anders in anderen akademischen Berufen! Man denke etwa an Lydia Rabinowitsch, Mutter von Robert Kempner und als Tuberkuloseforscherin weithin anerkannt, oder an die Physikerin Lise Meitner.

IV. Ein Stück Menetekel deutscher Rechtsgeschichte

Läßt man die Lebensbilder auf sich wirken, so steht man nicht nur entsetzt, sondern auch etwas fassungslos vor der Tatsache, daß man nach 1933 glaubte, das Werk aller dieser und vieler anderer Persönlichkeiten aus der deutschen Rechtsgeschichte und der täglichen Rechtspraxis auslöschen zu können. Nach außen hin sollte es dadurch geschehen, daß man ihre Namen strich; die Autoren hatten aus den Kommentaren auszuscheiden; Zitate jüdischer Autoren wurden verboten; neue Auflagen waren zu unterlassen oder mußten jetzt “arische” Namen tragen. Wenn es gar nicht anders ging, wurde ohne Fundstellenangabe zitiert. Schlimmer aber war, daß es ernsthafte Juristen, nicht ganz selten sogar Schüler von ihnen waren, die einen “jüdischen Ungeist“ in der deutschen Rechtswissenschaft entdeckten und zum Schöpfer eines neuen deutschen Rechts ohne diesen Ungeist werden wollten.

Die von Carl Schmitt organisierte Veranstaltung am 3./4. 10. 1936 in Berlin mit dem Thema “Das Judentum in der Rechtswissenschaft” ist inzwischen allgemein bekannt; sie ist dokumentiert und bei Göppinger zur Fussnote 5 im einzelnen dargestellt. Schmitt bezeichnet die Beziehung der jüdischen Juristen zum deutschen Geistesgut als “parasitär, taktisch und händlerisch”, spricht von einem “Maskenwechsel von dämonischer Hintergründigkeit” und versteigt sich zu den Sätzen, ein jüdischer Autor habe für uns keine Autorität, auch keine rein wissenschaftliche Autorität. Ein jüdischer Autor sei für uns, wenn er überhaupt zitiert werde, ein jüdischer Autor. Theodor Maunz spricht von der “inhaltlichen Entleerung“ der Verwaltungsrechtswissenschaft durch die Juden, obwohl er doch das wenige Jahre zuvor erschienene maßgebliche Verwaltungsrechtslehrbuch von Walter Jellinek gekannt haben müßte. Siegert beschimpft Max Alsberg und fordert die Ausrottung jeglichen jüdischen Geistes aus unserer Strafrechtspflege. Dem jüdischen Geist solle ein artgebundenes deutsches Gemeinschaftsdenken entgegengesetzt werden.

Daß Carl Schmitt und die Referenten dieser Tagung auch nur ein Wort von dem geglaubt haben, was sie vorgetragen haben, ist eigentlich nicht vorstellbar. Dafür waren sie, wie mindestens zum Teil ihre spätere Tätigkeit zeigt, viel zu intelligent. Also war es wohl bloße Willfährigkeit und Karrierestreben, was sie zu solchen Aussagen veranlaßt hat. Gerade das aber sollte auch ein Stück Menetekel deutscher Rechtsgeschichte sein. Es sollte nicht vergessen werden, wozu auch am Recht und am Rechtsstaat ausgebildete, promovierte und habilitierte Juristen fähig sind.

V. Begegnungen des Rechtsdenkens der Nationen

Das Schicksal deutscher Juristen jüdischer Herkunft, die das Jahr 1933 erleben mußten, geht unterschiedliche Wege. Wer – zu lange – in Deutschland bleibt, gerät in die Vernichtung (Magnus) oder entzieht sich ihr durch Freitod (Karl Neumeyer). Alsberg nahm sich schon im September 1933 in der Schweiz das Leben, weil seine Lebenswelt untergegangen sei, Hermann Heller und Albert Hensel sterben jung bald nach der Emigration.

Der Mehrzahl der hier behandelten Persönlichkeiten gelingt rechtzeitig die Emigration. Ihr Leben und ihr Werk sind trotz aller nationalen Begrenzung der Rechtsordnungen im Ausland so bekannt, daß sie auf die Dauer neue Tätigkeitsfelder auch im fremden Recht finden. Sie nehmen ihr Werk in diese fremde Rechtsordnung mit, und es beginnt eine erstaunliche Verbindung bisher getrennten Rechtsdenkens. Was sie für die Einebnung der national-rechtlichen Grenzen bedeutet, wird noch der weiteren Forschung bedürfen. In dem Bonner Symposion 1991 über den Einfluß deutscher Emigranten auf die Rechtsentwicklung in den USA und in Deutschland zur Fussnote 6 ist man dieser Frage nachgegangen. Was sich hier in einem ersten Versuch offenbart, ist schon von großem Gewicht, man sollte es nachlesen. Es gehört zur “List der Geschichte”, daß der Nationalsozialismus mit seiner Vertreibung auch der großen jüdischen Rechtsdenker den Weg frei macht für mehr Begegnungen des Rechtsdenkens der Nationen, als es früher gab. Nach 1945 kehren viele der Vertriebenen trotz allem nach Deutschland zurück und werden zu Trägern neuer, aus diesen ihren Erfahrungen gespeister Entwicklungen (Leo Rosenberg, Hans Nawiasky, Erich Kaufmann, Fritz Pringsheim, Richard Martin Honig, Robert Kempner). Welche Überwindung und welche Bereitschaft zur Versöhnung gerade gegenüber den Kollegen, die das Dritte Reich in Anpassung durchlaufen haben, dazu gehört haben mag, kann man nur ahnen. Andere lehnen nach allem Vorangegangenen die Rückkehr nach Deutschland ab. Ihr früheres Denken nach deutschem Recht bleibt davon aber unberührt. Sie haben es auch in der neuen Heimat direkt oder indirekt wieder aufgenommen und führen ihre Werke weiter (Martin Wolff, Max Hachenburg, Max Friedländer).

VI. Neues Tätigkeitsfeld in Israel

Die Lebensbilder können insgesamt naturgemäß nur begrenzt repräsentativ sein. Zahllose deutsche Juristen jüdischer Herkunft ohne den wissenschaftlichen Rang der hier genannten Personen standen in der Entscheidung zur Emigration vor dem Nichts; sie haben, wenn sie sich doch hierzu entschlossen, in der Regel den Beruf aufgegeben und sich irgendwie durchschlagen müssen. Lehnten sie die Emigration ab, war die Ermordung ihr Schicksal. Eugen Schiffer und Curt Joel, die in Deutschland verblieben waren, überlebten dank besonderen Schutzes aus ihren alten ministeriellen Bereichen.

Israel taucht unter den neuen Heimaten der in dem Buch behandelten Emigranten nicht auf; es mag der Lebensführung und dem Werk dieser Persönlichkeiten entsprechen, daß sie Zuflucht im Westen suchten und fanden. Aber viele deutsche Juristen jüdischer Herkunft haben auch in Israel ein neues Tätigkeitsfeld gefunden und den Aufbau des Rechtswesens dort maßgeblich beeinflußt. Der Vizepräsident der Rechtsanwaltskammer Tel Aviv, Joel Levi, hat hierüber auf einer Veranstaltung in Bonn am 28. 10. 1992 berichtet zur Fussnote 7 . Der erste Justizminister Israels, Felix Rosenblüth (in Israel Pinchas Rosen) hat die Grundlagen der Justiz in Israel aufgebaut. Moshe Moritz Smorah, geboren in Königsberg, war der erste Präsident des Obersten Gerichts in Israel. Zahlreiche weitere deutschstämmige Richter waren in diesem Gericht tätig. Der Erste Staatskontrolleur und seine Nachfolger waren deutsche Juristen zur Fussnote 8 . Auch hier geradezu eine verblüffende Entwicklung.

VII. Schluß

Geschichte läßt sich juristisch in der Regel nicht rückgängig machen. Wir erleben gegenwärtig, welche Schwierigkeiten mit solchen Versuchen verbunden sind. Aber Juristen können Geschichte in ihren Bereichen wesentlich mitgestalten. Das ist bis zur Gegenwart durch das Wirken der hier behandelten Persönlichkeiten durch eineinhalb Jahrhunderte sicher geschehen.

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Fussnoten
Fussnote *
Zugleich Besprechung zum gleichnamigen Buch, hrsg. von Helmut Heinrichs, Harald Franzki, Klaus Schmalz und Michael Stolleis. – München, Beck 1993. XXVI, 866 S. DM 148,-.
Fussnote 1
Juristen jüdischer Abstammung im “Dritten Reich”, 1990; 1. Aufl.: 1963.
Fussnote 2
Fast zu allen in dem Buch behandelten Persönlichkeiten liegen zahlreiche Einzelveröffentlichungen biographischen oder das Werk erörternden Inhalts vor; sie sind jeweils aufgeführt.
Fussnote 3
Hierzu Rasehorn, Justizkritik in der Weimarer Republik, 1985, S. 4 ff.
Fussnote 4
Vgl. die Darstellung bei König, Vom Dienst am Recht, 1987, S. 18 ff.
Fussnote 5
Vgl. o. Fußn. 1, S. 153 ff.
Fussnote 6
Der Einfluß deutscher Emigranten auf die Rechtsentwicklung in den USA und Deutschland, Tübingen 1993.
Fussnote 7
Jüdische Rechtsanwälte im Dritten Reich, eine Dokumentation über die Vertreibung jüdischer Rechtsanwälte, Deutscher Anwaltverlag 1993.
Fussnote 8
S. o. Fußn. 7, S. 55.

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