Ein „Mudschahed“ mit Doppelleben

Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse und Montauban war ein 23-jähriger Franzose algerischer Abstammung. Mohammed Merah aus Toulouse wird verdächtigt, in diesem Monat insgesamt sieben Menschen in Südfrankreich getötet zu haben, darunter am Montag vor einer jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Lehrer.

Laut Polizei bekannte sich Merah während der Verhandlungen mit der Polizei zu allen sieben Morden – und bedauerte es, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben. Nach Angaben des ermittelnden Staatsanwaltes François Molins filmte Merah die Taten. Die Bilder seien erschreckend deutlich. Beim tödlichen Kopfschuss auf sein erstes Opfer habe er erklärt: „Du tötest meine Brüder, und ich töte Dich.“

Merah beschrieb sich nach Angaben von Innenminister Claude Guéant selbst als Angehörigen der „Mudschaheddin“, der den gewaltsamen Tod palästinensischer Kindern rächen und ein Zeichen gegen die französische Militärpräsenz in Afghanistan setzen wollte. Er selbst rechne sich dem Terrornetzwerk Al Kaida zu. Angeblich sympathisierte er mit dem Salafismus. Auch sein Bruder und seine Mutter hätten deshalb unter Beobachtung gestanden, sagte Guéant.

Trauer um die Toten: Vor der jüdischen Schule in Toulouse tötete der Attentäter vier Menschen.
Staatsanwalt Molins sprach von einem „untypischen Profil der Selbstradikalisierung“. Der Verdächtige sei zweimal in Afghanistan und Pakistan gewesen (2010 und 2011), aber auf eigene Faust und nicht mit der Unterstützung bekannter extremistischer Netzwerke dorthin gereist. Bisher gebe es keine Hinweise, dass der Verdächtige einer bestimmten Organisation angehöre, sagte Molins.

Jahrelang vom Geheimdienst beobachtet

Nach Angaben von Staatsanwalt Molins wurde der Mann 2010 bei einer Straßenkontrolle in der südafghanischen Stadt Kandahar festgenommen und an die US-Armee übergeben, die ihn zurück nach Frankreich geschickt habe. Ein Bericht, wonach der Mann 2007 in Afghanistan als Bombenleger inhaftiert gewesen und später bei einem Massenausbruch geflohen sei, stellte sich als falsch heraus.

Zuletzt kehrte er Ende vergangenen Jahres wegen einer Hepatitis zurück und sei auch vom Geheimdienst befragt worden, erklärte Außenminister Alain Juppé im Rundfunksender Europe 1. Merah wurde auch vom französischen Inlandsgeheimdienst DCRI beobachtet. Befragt, warum der Geheimdienst ihn nicht besser überwacht und die Bluttaten verhindert habe, antwortete Juppé: „Ich verstehe, dass man sich die Frage nach einem Versagen stellen kann.“ Da müsse es in der Tat Klarheit geben.

Anwalt: Immer höflich, „weiches Verhalten“ und zivilisiert

Tatsächlich verbüßte der Verdächtige nach Angaben seines Anwalts von 2007 bis 2009 eine 18-monatige Haftstrafe in Frankreich. Sein langjähriger Verteidiger Christian Etelin zeigte sich vollkommen überrascht, dass sein Mandant ein islamistischer Serien-Attentäter sein soll. Der junge Mann sei immer „höflich“ gewesen, sagte Etelin, der den Verdächtigen in einer Reihe von Strafsachen vertrat, vor allem wegen Diebstahls. Der Anwalt beschrieb ihn als eine Person mit „weichem Verhalten“, „zivilisiert“ und „nicht starr“, so dass er nie Fanatismus vermutet habe. Auch bei seinen Bekannten und in der Nachbarschaft galt der Verdächtige nach ersten Berichten als still und bescheiden, diskret und hilfsbereit. Nach Darstellung des Anwalts radikalisierte sich der Verdächtige, der zuvor nie über den Islam gesprochen habe, vor zwei Jahren plötzlich und sei nach Afghanistan gereist.

Bewerbung bei der Armee

In den vergangenen Jahren soll der mutmaßliche Attentäter sich zweimal bei der französischen Armee beworben haben. In Lille wollte er bei den Bodentruppen aufgenommen werden, erklärte Oberst Bruno Lafitte. Der heute 23-Jährige habe alle Tests absolviert, „aber die Überprüfung seiner Vorstrafen hatte eine Ablehnung seiner Bewerbung zur Folge“. 2010 versuchte er es dann bei der Fremdenlegion im südfranzösischen Toulouse. Dort habe er aber letztlich nicht an den Auswahltests teilgenommen.

Per Internet auf die Spur gekommen

Innenminister Guéant bestätigte, dass die Ermittler dem Mann über das Internet auf die Spur gekommen waren. Das erste Opfer, ein Soldat, hatte demnach mit dem Täter auf einer Internet-Plattform Kontakt gehabt. Es ging um den Verkauf eines Motorrades. Per Mail vereinbarten die beiden einen Treffpunkt.

Die IP-Adresse, die dieser Mail zugewiesen wurde, gehörte zu einem Computer, der im Besitz der Mutter des Tatverdächtigen ist. „Das hat bei den Ermittlungen die Wende eingeleitet“, sagte Guéant. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch entschied sich die Polizei deshalb zum Handeln. Etwa zeitgleich wandte sich der Verdächtige selbst mit einem Bekenneranruf an den Nachrichtensender France 24, wie später bekannt wurde.

Laut France 24 erhielt die Polizei außerdem einen Hinweis eines Automechanikers, bei dem sich der Verdächtige nach einer Umlackierung des von ihm benutzten Motorrollers erkundigt haben soll.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s