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von  Thomas Schmid|

Wulff-Affäre – Ein Akt der symbolischen Reinigung

In der Causa Wulff geht es um mehr als um den Verdacht auf Vorteilsannahme. Der Skandal ist ein Wendepunkt, an dem unabweisbar eine wichtige Frage aufkommt.

Selten hat eine Berichterstattung viele Leser dieser Zeitung so empört wie die über Bundespräsident Christian Wulff und die Finanzierung seines Hauses in Großburgwedel (und viele Leser anderer Publikationen reagierten ganz ähnlich). Wie schon zu der Zeit, als Kritik an Wulffs Amtsvorgänger Horst Köhler laut wurde, tat sich auch diesmal eine beträchtliche Kluft zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung, genauer: zwischen Volksempfinden und Presse auf.

Foto: dapd/DAPD                                            Gute Freunde helfen einander: Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (r.), seine Ehefrau Bettina Wulff (2. v. l.), der Gründer der AWD Holding AG, Carsten Maschmeyer (l.), und dessen Lebensgefährtin, die Schauspielerin Veronica Ferres 2009 in Hannover

Die meisten Leser, die ihre Unzufriedenheit äußerten, warfen der Zeitung und ihren Journalisten vor, sie überschritten ihre Kompetenz, seien unnachsichtig und führten eine Kampagne. Von Diffamierung, Hetzjagd, Treibjagd war die Rede.

Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft

Dagegen lässt sich leicht argumentieren: Niemand steht in einer postmonarchischen Gesellschaft nicht unter Beobachtung, und es ist die Pflicht von Journalisten, zu recherchieren und zu enthüllen. Dabei kann es gar nicht anders als kleinlich-rechnerisch zugehen, es muss wie das aussehen, was im angewiderten Volksmund Waschen von fremder Leute schmutziger Wäsche heißt.

Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die das Ideal der alles überwölbenden und versöhnenden Gemeinschaft gottlob hinter sich gelassen hat. Zu der gehört es nun einmal, dass der Journalist zwar der Wahrheit, nicht aber dem Gemeinwohl verpflichtet ist und es natürlich auch um Auflage geht. Die Formen, die das annimmt, mögen nicht immer die feinen sein – am Ende steht aber der schöne Effekt, der im Zweifelsfall auch ein unintended effect sein kann: Licht kommt ins Dunkel übler Machenschaften, die Macht wird in ihre Grenzen verwiesen.

Wir leben nicht in der besten aller Welten

Das alles trifft zu, und am Ende war es deswegen gut, dass Christian Wulff zurückgetreten ist. Und doch: Wenn ich ihren Blickwinkel einnehme, kann ich die empörten Leser verstehen. Dass die Berichterstattung über die Causa Wulff neben kräftiger Zustimmung auch wütende Proteste auslöste, hat einen tiefen Grund. Es ging in diesem Streit um etwas, was für die ganz große Mehrheit der Bürger – erst recht für jene, die über keine großen Mittel verfügen – von existenzieller Bedeutung ist: um Beziehungen und Freundschaft.

In Lehrbüchern steht ganz zu Recht, dass wir die Sphären trennen müssen – hier das Private, dort das Geschäftliche; hier die Gemeinschaft, dort die Gesellschaft; hier die Person, dort das Amt. Diese Regel ist eine Errungenschaft der modernen, der nachfeudalen (aber auch nachsozialistischen) Gesellschaft. Diese beruht auf der Teilung der Gewalten, auf der Zähmung des Willens zur Macht und darauf, dass der Amtsinhaber seine Amtsrolle von seiner Person zu trennen hat. Da wir aber – wie man „draußen im Lande“ gut weiß – nicht in der besten aller Welten, vermutlich nicht einmal in der zweitbesten aller Welten leben, werden wir diesen unverzichtbaren Normen nicht gerecht.

Causa Wulff
Foto: picture alliance / Roland Witsch/dpa              
 

„Man kennt sich, man hilft sich“, wusste schon Konrad Adenauer

Causa Wulff

Causa Wulff
Foto: picture alliance / Roland Witsch/dpa                                   
 

„Man kennt sich, man hilft sich“, wusste schon Konrad Adenauer

„Man kennt sich, man hilft sich“ (Konrad Adenauer) – das ist die alltägliche Erfahrung von Millionen. Weil die Moderne das Leben schwankend gemacht hat, weil sie alte – familiäre, zunftmäßige, milieubezogene – Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten zerstört hat, weil, um mit dem wuchtigen Marx zu sprechen, „alles Ständische und Stehende verdampft“ – deswegen macht sich nicht nur Freude, sondern auch Angst breit.

Die Kehrseite von Freisetzung und Wahlmöglichkeit ist die Furcht, zu scheitern, abzustürzen, allein auf sich gestellt zu sein. Das Gegenstück zum modernen Menschen, der sich jeden Tag neu erfindet, ist der kraftlose Einsame. Deshalb ist der kleine Mann nicht bereit, das schützende Gehäuse der Freundschaften, des Milieus und der wechselseitigen Vorteilsnahme zu verlassen.

Es muss viele Menschen geben, die sich durch den medialen Umgang mit der Causa Wulff fast existenziell angegriffen, zumindest unter Verdacht gestellt fühlen. Gerade weil sie – damit kein Missverständnis aufkommt: wie übrigens alle – nicht unwesentlich auch aus vormodernen Reservoirs schöpfen, verübeln sie den Aufklärern der Causa Wulff ihr Geschäft.

Als Freundschaftsverbot wahrgenommen

Ausgerechnet das soll kriminalisiert und geächtet werden, was doch eine wesentliche Überlebenshilfe ist: personale Freundschaft, bei der man auch bereit ist, fünfe gerade sein zu lassen. Der Umgang mit der Causa Wulff wird als Angriff auf das unkodifizierte Leben und auf die Tatsache wahrgenommen, dass das wirkliche Leben nicht im gleißenden Licht hehrer Werte stattfindet.

Der Bürger ist auch Mensch. Als um- und einsichtiger Bürger hält er sich an die Regeln und weiß auch, dass das einem guten Zweck dient. Als schlauer Mensch, der durchkommen muss, ist er von der fast anthropologischen Gewissheit getragen, dass eine Hand die andere waschen soll, dass es gar nicht anders geht und dass froh sein kann, wer Freunde hat, die ihm beispringen. Was Christian Wulff widerfahren ist, wird – zu Unrecht, aber aus gutem Grund – als Freundschaftsverbot, als Versuch wahrgenommen, Freundschaft zu kriminalisieren und das stützende Geflecht der Alltagsbindungen in der ätzenden Säure unerbittlicher Öffentlichkeit zu zersetzen.

Causa Wulff II
Foto: picture-alliance / dpa/dpa               
 

 Als Helmut Kohl im Jahr 2000 vor dem Spendenuntersuchungsausschuss die Namen seiner Freunde verschwieg, erntete er auch Sympathie

 

Causa Wulff II

Causa Wulff II
Foto: picture-alliance / dpa/dpa                                   
 

 Als Helmut Kohl im Jahr 2000 vor dem Spendenuntersuchungsausschuss die Namen seiner Freunde verschwieg, erntete er auch Sympathie

Als Helmut Kohl einst in der Spendenaffäre, die ihn auf Jahre hinweg zum Sünder stempelte, sein Ehrenwort gegenüber Freunden über das Aufklärungsgebot stellte, fand auch er jenseits der ermittelnden Milieus Verständnis und Sympathie. Seit der Französischen Revolution ist der Jakobinismus samt seiner Schrecken eine Möglichkeit, die nicht mehr wegzudenken ist. Der kleine Mann mag den Jakobiner nicht, hinter seinen Vernunftsargumenten spürt und riecht er den Tugendterror.

Hinzu kommt, dass Christian Wulff ein Aufsteiger ist, der es von ziemlich weit unten buchstäblich nach ganz oben gebracht hatte. Aufsteiger sind Identifikationsfiguren, an sie heften sich Träume. Wenn es dem gelang, dann könnte es im Prinzip auch mir gelingen. Aufsteiger entschwinden zwar nach oben, weil sie von unten kommen, „gehören“ sie aber auch uns. Sie sind der lebendige Beweis für die Durchlässigkeit der Gesellschaft. Auf fast naive Weise hat Christian Wulff versucht, gesellschaftlich aufzuschließen.

Er hat die Milieus der Reichen und Schönen gesucht. Er hat dabei, zusammen mit seiner Frau, nie verborgen, dass das für ihn ein Abenteuer war, das ihm nicht an der Wiege versprochen wurde. So routiniert er auch aufzutreten verstand, die freudige Überraschung darüber, dass er sich nun auch unter Filmstars – die Helden des schönen Scheins, des Fiktiven – bewegte, war ihm ins Gesicht geschrieben. Das hatte etwas Authentisches, und das hat man „draußen im Lande“ gut erkannt.

Causa Wulff III
Foto: picture alliance / dpa/dpa               
 

Einer von uns: Bettina und Christian Wulff gaben dem Schloss Bellevue familiäre Züge

  • Causa Wulff III

Causa Wulff III
Foto: picture alliance / dpa/dpa                                    Einer von uns: Bettina und Christian Wulff gaben dem Schloss Bellevue familiäre Züge

Dass Christian Wulff sich ein wenig wie jedermann benahm, das nahm viele für ihn ein. Er gab dem Schloss Bellevue familiäre Züge, ließ an seinem Glück teilhaben. Damit sendete er – gewollt oder nicht – die Botschaft: Ich bin weiter einer von euch. Dass er ein junger Bundespräsident mit einer noch jüngeren Frau war, dass Kinder in Schloss Bellevue spielten und Nachrichten über innenarchitektonische Einzelheiten in die Öffentlichkeit drangen: Das alles schuf Vertrautheit und Bindung.

Christian Wulff war einer, der nach oben enteilt war und doch nicht die Seiten gewechselt zu haben schien. Sein Schwiegersohn-Image war deswegen anziehend. Dass er – als Geschiedener und Neuverheirateter ein Normalbürger mit den normalen Finanzproblemen – bei der Finanzierung seines Hauses den juristisch unkonventionellen Freundschaftsweg gegangen ist, dass er ab und an einmal einen Vorteil, der am Wegesrand lag, mitgenommen hat: Das spricht in den Augen vieler nicht gegen, sondern eher für ihn. Er ist wie wir, er hat gehandelt, wie wir handeln würden, hätten wir seine Optionen.

Eine Art von Klassenkampf

Dass die Medien das alles unnachsichtig erforscht und ausgeleuchtet haben, wird von vielen als eine Art Klassenkampf verstanden. Jene, die sich bigott im Besitz einer höheren Moral fühlen und/oder es nicht nötig haben, erlegen einen, der es geschafft hat und sich jener Mittel zur Selbsthilfe bedient hat, die Volkssport sind. Viele glauben vermutlich, mit der Aufklärung der Causa Wulff hätten Eliten – durchaus eigennützig, durchaus in exkludierender Absicht – nach unten getreten. So wie früher der Adel dem aufsteigenden Bürgertum jeden nur auffindbaren Stein in den Weg rollte.

Medien sind heute ohne Zweifel stärker als je zuvor. Da spielt die ungeheuer gesteigerte Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung ebenso herein wie die Tatsache, dass spätestens mit dem Internet Geheimnisse kaum noch eine Überlebenschance haben. Journalisten sitzen in jeder Politikerrunde faktisch mit am Tisch, und das, was sie – in der Regel auf Wunsch eines Politikers – nach außen tragen, beeinflusst das, was am Ende eines politischen Entscheidungsprozesses herauskommt.

Politiker machen Politik, Journalisten berichten über sie

Wie Politiker mit den Medien spielen und dadurch Kontur gewinnen, so greifen Medien berichtend in die Politik ein, ja manchmal machen sie Politik. Die alte eiserne Trennlinie – Politiker machen Politik, Journalisten berichten über sie – ist zwar nicht in Auflösung begriffen, aber doch löchrig geworden. Nicht journalistische Anmaßung (die es auch gibt) ist die Ursache dafür, sondern jener fast unaufhaltsame Zug der Zeit, der die Grenzen von Schein und Sein verwischt und der fiktionalen Wirklichkeit eine nie gehabte Macht verleiht.

Und doch handelt es sich um eine begrenzte Macht. Es irrt, wer glaubt, Medien könnten nach Lust und Laune Kampagnen vom Zaun brechen und Politiker zur Aufgabe zwingen.

Denn in den Skandalen, die sie aufdecken, können sie nicht frei schalten und walten, sie folgen einem nicht von ihnen verfassten Drehbuch, auf das sie nur begrenzten Einfluss haben. Skandale wie der um Christian Wulff sind in Wahrheit moralische Inszenierungen.

Causa Wulff IV
Foto: picture-alliance / ZB/Zentralbild                „Gesellschaften können ihre eigenen Ziele, Werte, Normen nicht anders lernen als dadurch, dass sie Verfehlungen von Zielen, Werten, Normen produzieren und aus diesen Verfehlungen ein Fazit ziehen“: Karl Otto Hondrich, Philosoph

Causa Wulff IV

Causa Wulff IV
Foto: picture-alliance / ZB/Zentralbild                                    „Gesellschaften können ihre eigenen Ziele, Werte, Normen nicht anders lernen als dadurch, dass sie Verfehlungen von Zielen, Werten, Normen produzieren und aus diesen Verfehlungen ein Fazit ziehen“: Karl Otto Hondrich, Philosoph

Unter diesem Gesichtspunkt hat der 2007 verstorbene Soziologe Karl Otto Hondrich den Umgang mit Skandalen, mit Fehltritten von Politikern und anderen Prominenten untersucht. In der ihm eigenen Neugier auf hintergründige Pointen und in der Gewissheit, dass hinter Wirren ein geheimer Sinn stehen mag, hat er danach gefragt, warum Skandale immer wieder aufgedeckt werden und warum sie einem stets ähnlichen Erregungsverlauf nehmen.

Ausgangspunkt ist die Kompliziertheit der modernen Welt, in der sich vieles nicht mehr so wie früher von selbst versteht. In dem Maße, wie dem Einzelnen seine Rolle nicht mehr frühzeitig und auf Lebenszeit zugewiesen wird, muss diese Rolle gesucht, verändert, angepasst, aber auch ins moralische Wertegefüge der Gesellschaft eingepasst werden. Hondrich: „Gesellschaften können ihre eigenen Ziele, Werte, Normen nicht anders lernen als dadurch, dass sie Verfehlungen von Zielen, Werten, Normen produzieren und aus diesen Verfehlungen ein Fazit ziehen.“ Wo hört die private Person auf, wo fängt die öffentliche Figur an? Darf Freundschaft, dürfen bevorzugende Vertrautheiten – ohne die keine Gesellschaft auch nur einen Tag funktionieren würde – jenseits der privaten Sphäre wirksam sein?

Skandale sind symbolische Dramatisierungen

In dem Maße, in dem Gesellschaften unterschiedliche Wertsphären schaffen und die Werte einer Sphäre womöglich nur auf Kosten anderer verwirklicht werden können – in dem Maße wächst auch das Angebot an moralischen Verfehlungen. Nicht weil die Menschen böse wären, sondern weil es dies Angebot gibt, fehlen sie.

Hondrich: „Wie anders als durch Versuch und Irrtum sollte in einer sich wandelnden Welt herausgefunden werden, ob die vorhandenen Normen noch passen und in welche Richtung sie zu verändern sind?“ Der Skandal ist der Wendepunkt, an dem unabweisbar die Frage aufkommt, ob ein bisher eingeschlagener Weg der falsche war.

Skandale können – auch dazu sind sie da – institutionelle Veränderungen, Präzisierungen zur Folge haben, das System wird besser, effektiver, transparenter und missbrauchsresistenter. So geschah es in der Bundesrepublik nach den Parteispendenaffären, für die unter anderem die Namen Otto Graf Lambsdorff und Helmut Kohl stehen. Es wäre aber naiv, zu glauben, aufgedeckte Skandale seien ausschließlich Korrekturanstalten, fänden ausschließlich im Reich der Maßnahmen statt. Sie sind auch symbolische Dramatisierungen.

Causa Wulff V
Foto: picture-alliance/ dpa/dpa                Skandale wie die Parteispendenaffäre um Otto Graf Lambsdorff können ein System transparenter machen

Causa Wulff V

Causa Wulff V
Foto: picture-alliance/ dpa/dpa                                    Skandale wie die Parteispendenaffäre um Otto Graf Lambsdorff können ein System transparenter machen

Die eine aufgedeckte Verfehlung verhüllt und schützt viele unaufgedeckte Verfehlungen. Auf die Causa Wulff bezogen: Der Rechtsstaat hat seine Regeln, die gelten, und deswegen weiß jeder, dass es in Ämtern nicht statthaft ist, Vergünstigungen in Anspruch zu nehmen und dafür kleinere oder größere Gegenleistungen zu erbringen. Das wäre Korruption. Jeder weiß aber auch, dass diese Regeln zwicken und die Versuche zahlreich sind, sie zu umgehen.

Nicht umsonst ist der Steuerbetrug ein Volkssport. Obwohl die Regeln gelten, sind sie nur Leitplanken, innerhalb derer nicht das ganze, nicht einmal das halbe Leben stattfindet. Man muss nur eine beliebige Großveranstaltung in der Hauptstadt besuchen, um augenblicklich zu erkennen, dass hier gleichermaßen Bürger wie Kungler zusammengekommen sind und die Grenze zwischen erlaubt und eigentlich unerlaubt im Nebel liegt. Geben und Nehmen ist ein Prinzip, das nicht nur in kriminellen Nischen Gültigkeit hat. Wir mögen das nicht gut finden, wir wissen aber – zumindest im Hinterkopf –, dass es sich so verhält.

Dass die Causa Wulff so schnell und machtvoll ins Zentrum des öffentlichen Interesses geschoben werden konnte, hat auch damit zu tun, dass hier exemplarisch eine Frage geklärt, zumindest aufgeworfen werden konnte, die zwar nicht ganz neu ist, die aber in den vergangenen Jahren gewaltig an Dringlichkeit gewonnen hat. Politiker waren einmal, grob gesprochen, so etwas wie Sachbearbeiter des Politischen, und so sahen sie meist auch aus: nach Behörde.

Causa Wulff VI
Foto: picture-alliance / dpa/dpa                Spätestens mit Gerhard Schröder hat sich die Politik dem Showbusiness angenähert

Causa Wulff VI

Causa Wulff VI
Foto: picture-alliance / dpa/dpa                                    Spätestens mit Gerhard Schröder hat sich die Politik dem Showbusiness angenähert

Spätestens seit, sagen wir, Gerhard Schröder ist im Milieu der Politiker der Drang stärker geworden, den Schönen und Reichen nah zu sein und Teil des Showbusiness zu werden. Die SPD war da schneller, die CDU zog nach längerem Fremdeln nach. Christian Wulff ist nun der erste CDU-Politiker, der diesem Hang kräftig nachgegeben hat und sich den Spaß daran anmerken ließ, Teil dessen zu werden, was man früher die Bussi-Bussi-Gesellschaft nannte.

Das wirft Fragen auf: Dürfen, sollen die das? Wo ist die Grenze? Banalisiert das die Politik? Oder gibt es ihr neuen Glanz, neue Attraktivität? Auch darüber wurde in dieser Auseinandersetzung verhandelt. Mit einem so eindeutigen wie mageren Ergebnis. Erstens wird die Nähe von Politik und Showbusiness bleiben, vermutlich noch intensiver werden – einfach, weil das der Zug der Zeit ist, die nicht zuletzt von der Ressource Schein lebt. Und zweitens wird wohl immer einmal wieder ein Politiker, der es zu toll treibt, abgestraft, um das vergangene politische Kärrnerideal für einen Moment lang wieder in sein altes Recht einzusetzen.

Es gilt freilich auch zu bedenken, dass der allzu bohrende Blick auf die Sphäre der Politik auch zum Generalverdacht gegen sie führen kann – zu einem Generalverdacht, den unser leidlich gut gefügtes politisches System erstens nicht verdient hat und der sich zweitens, wenn auch im Gewande modernster Recherchemikroskopie, durchaus teilweise aus Quellen vor- oder postdemokratischen Ressentiments nähren könnte.

Ein Verfahren der Absolution

Die Aufdeckung eines mehr oder minder großen Skandals unter vielen anderen mehr oder minder kleinen Skandalen stellt also nicht nur einen Vorgang der Selbstkorrektur und der wirklichen Reinigung dar. Er ist auch ein Verfahren der Absolution, der symbolischen Reinigung.

Für einen kurzen Moment gibt der Skandal den Blick frei in einen Untergrund, in dem sich vormoderne Gemeinschaftsregungen ebenso austoben wie postmoderne Schlitzohrigkeiten. Werden Verfehlungen enthüllt, sind das „Stichproben in die Welt von Inoffizialität hinein“. Wie die Beichte in der katholischen Kirche entlastet auch der aufgedeckte Skandal. Er macht uns nicht zu besseren Menschen, gibt uns aber ein besseres Gefühl.

Also hat der Skandal zwei Funktionen, die sich nicht ergänzen, sondern konträr gegeneinanderstehen. Der Skandal ist ein Korrektur- und ein Entlastungsverfahren. Er macht die Welt etwas besser und lässt alles beim Alten. Nach dem Skandal ist vor dem Skandal. Deswegen liegt peinlich daneben, wer das Geschäft des Skandalaufdeckens nur von der Fackel der Aufklärung erleuchtet sieht.

Bestandteil des Showgeschäfts vorturnender Eliten

Die Aufklärung geht auch hier ab und an Hand in Hand mit der Selbstüberschätzung und der Bigotterie. Das Pathos rückhaltloser Aufklärung, sagt Hondrich, „ist Bestandteil des Showgeschäfts vorturnender Eliten. Die kleinen Leute wissen das. Ihnen ist Aufklärung eher lästig. Dass die Menschen fehlbar sind, sie wussten es bereits.“

Skandale müssen wehtun – nicht der Allgemeinheit, die sich ja Absolution erhofft, sondern einzelnen Übeltätern, die exemplarisch gefällt werden. Sie werden gezwungen, für andere ein Opfer zu bringen. Und es muss ein wirkliches Opfer sein. Der emeritierte Politiker, der keine Zukunft mehr hat und nur noch einen Schatten von Macht repräsentiert, ist kein gutes Opfer. Seine Bestrafung schmerzt nicht. Wie es früher Jungfrauen und junge Männer und nicht Greise waren, die der Gottheit geopfert wurden, so sollen es auch jetzt möglichst Männer sein, die noch ganz in ihrer Kraft stehen.

So gesehen, war Christian Wulff – 51 Jahre alt und nach Walter Scheel erst der zweite Bundespräsident, der das wirkliche, nicht nur das Honoratiorenleben ins Schloss Bellevue trug – ein geradezu prachtvolles Opfer. Dass er das war, sieht man an der Erregungsfreudigkeit in, wenn man will, zwei Lagern. Da gab es jenen Teil der Öffentlichkeit, der begierig auf neue, möglichst schlimmere Verdachtsmomente war und mit den Rechercheuren mitfieberte. Wann ist es so weit? Wann stürzt er? Wann muss er gehen? Wann haben wir ihn?

Atavistische Restbestände kommen hervor

Und es gab jenen Teil der Öffentlichkeit und vor allem der Menschen „draußen im Lande“, die mit dem Strauchelnden mitfühlten, die Mitleid mit ihm hatten und die den Rechercheuren mit oft hasserfüllter Stimme zuriefen, was sie da täten, komme einer erbarmungslosen Hetzjagd gleich. Beide Seiten waren erregt. Skandale locken oft auch atavistische Restbestände hervor.

Nach dem Skandal ist vor dem Skandal. Mehr noch: Es bleibt nicht viel. Das hat mit der allgemeinen Vergesslichkeit zu tun, aber auch damit, dass nach der Opferung deren Grund schnell verblasst. Fast immer erscheinen im Rückblick die Verfehlungen, die zu Rücktritten geführt haben, klein, ja lächerlich. Nach dem Ende des Skandals findet uns der Alltag ernüchtert wieder. Es hat sich nicht wirklich viel geändert, die Welt hat keinen moralischen Schub bekommen.

Manchem ist seine Erregung dann fast peinlich – weil er insgeheim weiß, dass er sich ein imaginäres Richteramt zugetraut hat, das zu groß für ihn ist. Die eigentümlich betretene Stille, die dem Höhepunkt des Skandals zuweilen folgt, hat auch damit zu tun, dass wir uns vor einer Gesellschaft fürchten, in der das Gute auf despotische Weise unser Leben bestimmte. Hondrich, sehr zuspitzend: „Der Wahn der Wahrhaftigkeit weicht der Normalität des Nichtwissens und dem Halbdunkel der Diskretion. Nur so können wir leben. Nicht unter der sengenden Sonne der Wahrheit und der Alleinherrschaft der Moral.“

Skandale machen eine komplizierte Welt einfach

Ein Betrunkener, so geht ein alter Witz, sucht des Nachts unter einer Straßenlaterne nach seinem Schlüssel, vergeblich. Kommt ein Polizist und fragt den Mann: „Sind Sie denn sicher, dass Sie den Schlüssel hier verloren haben.“ „Nein“, sagt der Zecher, „aber hier ist es hell.“ Mit den Skandalen verhält es sich ähnlich. Auch wenn sie eine gesellschaftshygienische Reinigungsfunktion haben, treffen sie selten die wirklich neuralgischen Punkte.

Sie sind an der Peripherie angesiedelt – EU, Globalisierung, Probleme der repräsentativen Demokratie, Dilemmata des einstigen Aufbaus Ost etc. etc.: Nichts davon spielt in aller Regel in den Skandalen, die uns erregen, eine Rolle. So könnte man sagen, dass Skandale auch ablenken. Sie machen eine komplizierte Welt einfach. Ein Bobbycar ist greifbarer als ein Rettungsschirm. Tauchen wir erregt in Skandale ein, reduzieren wir Komplexität – und machen uns naiver, als wir sind.

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