Just another WordPress.com site

Mehr Recht als Geschlecht

Bloß ein Reflex? Viel Lärm um viel zu wenig? Am 8. März wird der Internationale Frauentag 100 Jahre alt. Christine Lemke-Matwey über den aktuellen Stand der Emanzipation.

© John MacDougall/AFP/Getty Images

Ursula von der Leyen, Angela Merkel und Alice Schwarzer im Jahr 2009

Ursula von der Leyen, Angela Merkel und Alice Schwarzer im Jahr 2009

Vor einem Jahr haben wir an dieser Stelle schon einmal 100 Jahre Weltfrauentag gefeiert, und das war insofern etwas windschief, als Frauen nicht rechnen können. Wenn nämlich der erste Frauentag 1911 ausgerufen wurde, von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin, dann hatten wir es 2010 zwar mit dem 100. seiner Art zu tun, dürfen aber erst 2011 von 100 Jahren reden. Ein Kind, das geboren wird, ist schließlich nicht eins, sondern null – und dies nicht nur nach dem großen oberfränkischen Rechenmeister Adam Riese, sondern auch nach Eva Zwerg.

Der Befund aus dem vergangenen Jahr, rabiat verkürzt: Mit der Gleichstellung der Geschlechter im 21. Jahrhundert ist es nicht weit her – und was wir wirklich bräuchten, um diesem Missstand abzuhelfen, tätä, tätä, tätä, wäre ein Internationaler Männertag. Es kann nur Zufall sein, dass der 101. Frauentag nun ausgerechnet auf Faschingsdienstag fällt. Der Fortschritt, ein Mummenschanz – und am Aschermittwoch ist (wieder einmal) alles vorbei? Das Motto der Vereinten Nationen gibt sich trotzig: „Gleicher Zugang zu Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Technik: Wege zu menschenwürdiger Arbeit für Frauen.“ Dass diese Wege lang und steinig sind – man hätte es nicht eleganter formulieren können.

Anzeige

 

Liest man jedoch die aktuelle Ausgabe des SZ-Magazins (Ein Männerheft), ist der Fasching vielleicht doch kein Zufall. Da reden sechs Frauen über Männer und „den ganzen Rest“, eine Art Schulmädchenreport für geistig Besserverdienende. Man hört Alma, Delia und ihre Freundinnen förmlich quietschen, wenn es um die Unterscheidung zwischen „Blutpenis“ und „Fleischpenis“ geht, um Smileys im E-Mail-Verkehr, One-Night- Stands mit „Straßenkötern“, das Outfit von Maria Furtwängler und die Frage, warum Männer ewig auf dem Klo sitzen.

Bei Sex and the City mag dieser Illustriertensprech Beleg einer erfolgreichen Emanzipation sein und subversiv; auf Bayrisch untermauert er höchstens den Drang der jüngeren Frauengeneration zurück an den warmen Herd. Das wissen die Magazin-Macher natürlich. Die Frauen der westlichen Welt, so die Botschaft, holen die Landebrücken des Projekts Gleichberechtigung von ganz allein wieder ein. Den Mann als Patriarchen brauchen sie dazu längst nicht mehr. Wie sagt Delia so schön? „Mir geht die Selbstoptimierung total auf den Geist.“ Wer außer Heidi Klum wollte ihr da ernsthaft widersprechen?

Trotzdem: So einfach geht das nicht. Abgesehen von historischen Errungenschaften wie dem Wahlrecht (1918) oder der Reform des Paragraphen 218 (1976) hatte man in den vergangenen 100 Jahren selten das Gefühl, dass es in der Frauenfrage so lärmig zuging wie in den vergangenen 365 Tagen. Insofern: Schluss mit der Realsatire und her mit den Fakten.

In Italien gehen eine Million Frauen auf die Straße, um gegen den in Sex-, Korruptions- und Amtsmissbrauchsaffären verwickelten Silvio Berlusconi zu demonstrieren: „Italia non è un bordello!“ – Italien ist kein Puff. Am 6. April 2011 soll dem Ministerpräsidenten erstmals der Prozess gemacht werden. Zu verdanken ist dies der Mailänder Oberstaatsanwältin Ilda Boccassini. Richterin Cristina Di Censo nahm ihre Anklage sicher gern entgegen. Ob Rotlicht-„Burlesconi“ vor Gericht nun erscheint oder nicht oder jemals verurteilt wird: Eine ganze Nation schämt sich in Grund und Boden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Schlagwörter-Wolke

%d Bloggern gefällt das: