Mehr als 5.000 Privatdozenten lehren an deutschen Universitäten – nicht umsonst, aber ohne Salär. Über den Tausch von Ehre gegen Dienstleistung in der höheren Bildung.
Von Stefan Laube
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© dpaTag für Tag unterrichten Privatdozenten an deutschen Hochschulen und werden dafür nicht oder nur sehr schlecht bezahlt
Kontingenzen prägen das Dasein des Privatdozenten, seit es ihn gibt. Der gesunde Menschenverstand, der annimmt, dass jeder talentierte Privatdozent früher oder später seine ordentliche Professur erhält, steht oft auf verlorenem Posten. Im Theaterstück „Der Privatdozent“, verfasst 1906 von Ferdinand Wittenbauer, der zugleich als international angesehener Physiker an der Technischen Hochschule in Graz wirkte, heißt es: „Bleiben Sie mir weg, mit dem gesunden Menschenverstand, wenn Sie von der Universität sprechen. Die hat ihren eigenen Verstand. Der ist nicht für einen Sterblichen. Die Hauptsache bleibt immer (. . .): Mag man den Mann oder mag man ihn nicht. Wenn man ihn mag, dann sind die Fähigkeit und die Tüchtigkeit und der gute Ruf angenehme Beigaben, mag man ihn nicht, dann kann der Privatdozent weise sein wie Salomo, man setzt ihn vor die Türe.“

Die Unwägbarkeiten einer Privatdozentenschwemme waren bereits zu wilhelminischen Zeiten ein Thema. Vom „Fegefeuer des Privatdozententums“ vor der ersehnten Professur sprach der Historiker Max Lenz im Jahr 1910. Wird in deutschen Landen heute eine gängige geisteswissenschaftliche Professur ausgeschrieben, balgen sich bis zu hundert geeignete Wissenschaftler.

Das Gerechtigkeitsempfinden der Bewerber wird dabei auf eine harte Probe gestellt, nicht nur weil der Gewinner alles erhält und die anderen leer ausgehen, sondern auch weil in einem opaken Ausleseverfahren nicht immer Kompetenz und Leistung die ausschlaggebenden Gesichtspunkte sind. Umso notwendiger ist es, endlich einen erträglichen Modus Vivendi für alle hochqualifizierten Wissenschaftler zu finden.
Was ist ein Privatdozent?

Was ist ein Privatdozent?

Jeder, der mit einer Habilitationsschrift und der daran geknüpften Lehrerlaubnis (Venia Legendi) belegen kann, dass er als Hochschullehrer geeignet ist, kann sich diesen Titel von der zuständigen Fakultät verleihen lassen. In Habilitationsschriften steckt ein beträchtlicher Teil der an Hochschulen geleisteten innovativen Forschung – in manchen Fächern der größte Teil.

Trotzdem wird mit dem Titel Privatdozent nur das Recht erworben, Vorlesungen und andere Lehrveranstaltungen anzubieten, mehr nicht. Privatdozenten haben keinen Anspruch auf einen Arbeitsplatz oder eine Vergütung, heißt es in den jeweiligen Hochschulgesetzen. Hinzu kommt, dass sie ihren Status nur dann aufrechterhalten können, wenn sie von ihrer Venia Legendi regelmäßig Gebrauch machen. Lehren sie ohne Zustimmung des Fachbereichs oder ohne wichtigen Grund in zwei aufeinanderfolgenden Semestern nicht, kann ihnen der Titel aberkannt werden.

Das bedeutet: Universitäten verleihen habilitierten Wissenschaftlern den euphemistischen Titel eines „Privatdozenten“ oder eines „außerplanmäßigen Professors“ und fordern im Gegenzug dafür jahrelang unbezahlten Unterricht. Deutsche Hochschulverwaltungen und Fakultäten nutzen die Frondienste der Privatdozenten, um finanzielle Löcher zu stopfen und zugleich Lehre und Forschung zu gewährleisten. Mehr als fünftausend Privatdozenten lehren in Deutschland ohne jede finanzielle Gegenleistung oder nur für einen symbolischen Obolus. Die Alma Mater verdient ihren Namen schon lange nicht mehr: Sie nährt nur wenige, viele nagen am Hungertuch.

Kein Mindestlohn, der Staat schaut weg

Wer qualifizierte Dienstleistungen erbringt, erhält hierfür üblicherweise ein adäquates Einkommen, von dem er leben kann – eine Selbstverständlichkeit möchte man meinen. Mittlerweile hat sich in allen politischen Lagern die Überzeugung durchgesetzt, dass der Staat den Einzelnen vor Ausbeutungsverhältnissen zu schützen hat. So sollen staatliche Rahmenbedingungen garantieren, dass in jeder Branche Mindestlöhne gelten.

An den deutschen Universitäten wird dieser Grundsatz missachtet, und der Staat schaut apathisch weg. Die Folgen sind verheerend: Die erbrachten Leistungen in Forschung, Lehre und Prüfung können dem jeweiligen Privatdozenten keinen eigenständigen Lebensunterhalt sichern, so dass er dauerhaft auf Transferzahlungen vom Jobcenter oder Angehörigen angewiesen ist. Niemand bleibt in seinem Selbstwertgefühl unberührt, den man zwingt, ohne Bezahlung in dem Beruf zu arbeiten, für den er am besten qualifiziert ist. Demütigung, Depression und soziale Marginalisierung sind die logische Konsequenz.

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Die Hauptursache für dieses Ausbeutungssystem, das sich in den letzten Jahren sogar noch intensiviert hat, ist neben der Tradition zweifellos das ausgehöhlte Budget der Hochschulen. Seit Jahrzehnten steigen die Studentenzahlen, die Hochschulen befinden sich in einem chronischen Zustand der Überlastung und Unterfinanzierung. Zugleich lassen die Wissenschaftspolitiker eine immer größer werdende hochqualifizierte Gruppe links liegen, die – würde man sie institutionell und materiell aufwerten – eine Reihe von hausgemachten Problemen an deutschen Universitäten beheben könnte.

Durchhungern bis zur Professur

Es stellt eine der größten Peinlichkeiten des Wissensstandortes Deutschland dar, dass sich an den unzumutbaren Rahmenbedingungen, in denen sich ein Privatdozent an der Universität bewegt, seit dem neunzehnten Jahrhundert kaum etwas geändert hat. Kaum einer Nation würde es einfallen, an ihren Hochschulen unentgeltliche Dienstleistungen zu verlangen. Nicht so die Bildungsnation Deutschland, die wie keine andere einen Privatdozenten-Mythos pflegt. „The German Way of Life“ verkörpert hier nicht der vom Tellerwäscher aufgestiegene Millionär, sondern der gestählte Ordinarius, der sich als Privatdozent durchhungern musste. Dabei gehört es zum guten Ton, dass diejenigen, die es geschafft haben, jenen, die auf der Strecke bleiben, mit Arroganz und Kälte begegnen, was in der deutschen Universität fast noch stärker ausgeprägt zu sein scheint als in der amerikanischen Gesellschaft.

Wie konnte in Deutschland dieser Mythos entstehen? Die zur Weltgeltung aufsteigende deutsche Universität im neunzehnten Jahrhundert wäre ohne den Beitrag der Privatdozenten kaum möglich gewesen. Privatdozenten fungierten als personifizierte Motoren der Innovation; sie sorgten dafür, dass sich die Disziplinen immer intensiver diversifizieren konnten. In Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ findet sich der Satz: „Dass insbesondere die neuhumanistische Universität ihre wachsenden wissenschaftlichen Ansprüche mit dem Gelehrtentypus des Privatdozenten verband, gehört zu den Geheimnissen ihrer bewunderten Leistungsfähigkeit.“

Oft ermutigten die harte Konkurrenz und die Begierde nach einer Professur den Privatdozenten, wissenschaftliches Neuland zu betreten, sich durch Originalität von der Konkurrenz abzuheben. Die Kultusbehörden haben diese Entwicklung maßgeblich unterstützt, nicht selten gegen die Interessen der Fakultäten. Der Preis bestand darin, das Lehrpersonal in bezahlte und unbezahlte oder schlecht bezahlte Kräfte, in Besitzende und Besitzlose, zu scheiden.

In den Ruin durch Forschung und Lehre

Bis heute ist für die Bundesländer das System der Privatdozentur ein einträglicher Handel, während die Betroffenen oft in den Ruin getrieben werden. Ihnen bleibt nur der Gang zum Arbeitsamt, zumal die Regeln für die aus Drittmitteln gespeisten wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen immer restriktiver ausgelegt werden. Die Forschungsförderung in Deutschland ist so perfide, dass bei größeren Verbünden, wie den Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der mittellose Privatdozent zwar berechtigt ist, Projekte zu beantragen, die dann gewährten Stellen aber nicht zur Sicherung seiner eigenen Existenz nutzen darf.

Die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die unzureichende Besoldung von Professoren hat ungläubiges Staunen ausgelöst, weil bekannt wurde, dass ein W2-Professor nicht mehr verdient als ein Studienrat. Dieses Staunen kann um ein Vielfaches potenziert werden, wenn die Öffentlichkeit zur Kenntnis nähme, dass Universitäten Privatdozenten, die vom akademischen Werdegang auf Augenhöhe mit Professoren stehen, nötigen, unentgeltlich zu lehren; eine Gewohnheitspraxis, die auch Karlsruhe interessieren dürfte.

Kein Gehalt, aber eine Ehre

Wie absurd dieses eingeschliffene Verhalten ist, zeigt seine Übertragung auf die Wirtschaft. Man stelle sich vor, Konzerne wie Siemens oder die Deutsche Bank verweigerten einem Drittel ihrer hochqualifizierten Ingenieure bzw. Betriebswirte ihr Gehalt – und zwar mit dem Hinweis, es sei eine Ehre, für ihr Unternehmen zu arbeiten.

Heutzutage erhält ein Privatdozent für seine Leistungen, die neben Lehrveranstaltungen auch Prüfungen, Korrekturen und Studienberatung umfassen, entweder gar nichts oder ein Honorar in der Höhe eines allenfalls dreistelligen Betrags. Nach den Berechnungen des Ethnologen Ulrich Obendiek müsste er in Anlehnung an die Festbesoldung der Professoren deutlich mehr bekommen.

Bei einem Monatsgehalt von 5.000 Euro steht einem Professor ein Semestergehalt von 30.000 Euro zur Verfügung. Wenn vier zweistündige Lehrveranstaltungen gehalten werden und man fünfzig Prozent der Arbeitszeitbelastung auf die Lehre entfallen lässt – meist ist der Anteil höher -, dann entfallen auf die Lehrveranstaltungen rund 15.000 Euro Gehalt, pro Lehrveranstaltung also 3.750 Euro. Übertrieben wäre ein Honorar in dieser Höhe keineswegs.

Man braucht sich nur in unser südliches Nachbarland zu begeben, wo einzelne Lehraufträge sogar mit 10.000 bis 12.000 Franken pro Semester vergütet werden. Die Frage ist aufgeworfen, warum ein Land wie die Schweiz, das über einen geringfügig höheren Lebensstandard verfügt, seinen Lehrbeauftragten ein um tausend Prozent (!) höheres Honorar zu zahlen imstande ist. Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass in Deutschland die Kanalisierung der Geldflüsse grundlegend fehlgeleitet ist.

Kein Anreiz, sich auf Professuren zu bewerben

Die Degradierung der Privatdozenten zu akademischen Neutren sollte endgültig der Vergangenheit angehören. Um aus ihnen rechtliche Subjekte zu machen, ist es unerlässlich, aus der Lehrbefugnis ein unbefristetes Dienstverhältnis an derjenigen Universität zu begründen, die ihre Habilitation durchgeführt hat. Mit der Privatdozentur sollte also stets der Anspruch auf eine Stelle verknüpft sein, die deutlich höher als die gegenwärtigen Lehraufträge dotiert ist. Es bietet sich eine Gehaltsebene an, wie sie für wissenschaftliche Mitarbeiter üblich ist (BAT-2a bzw. E 13 TVöD), damit weiterhin Anreiz besteht, sich auf Professuren zu bewerben.

Mit diesem durch die Lehrbefugnis erworbenen Recht auf eine Stelle müsste die Verpflichtung einhergehen, neben der Forschung ein Lehrdeputat von mindestens zwei Lehrveranstaltungen im Semester abzuleisten. Zudem sollte man bei ununterbrochener Lehraktivität nach vier, fünf Jahren automatisch das Recht erwerben, den Professorentitel zu führen, ohne in einem aufwendigen Begutachtungsverfahren auf das Wohlwollen fest bestallter Professoren angewiesen zu sein. Überhaupt sollte mit einer Etatisierung von Privatdozenten ihre repräsentative Vertretung in jedem wichtigen Hochschulgremium einhergehen.

Stefan Laube ist Privatdozent am Institut für Kulturwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität.

Quelle: F.A.Z.

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