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Von Velten Schäfer

»Überfremdung, ich verwende den Begriff bewusst«

Im Internet tobt ein Kampf um die Deutungshoheit über Gauck-Zitate

Das Märchen vom Märchen vom bösen Gauck: Wie »Welt« und »Cicero« gegen Internetkritik an Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck vorgehen – und das Netz zurückschlägt.

Ein Transparent mit einer gefälschten facebook-Seite von Gauck beim Politischen Aschermittwoch der LINKEN in Tiefenbach


Foto: dpa/Marc Müller

Man muss ja nicht unbedingt etwas darauf geben, was der immer so nett wirkende Publizist Roger Willemsen so sagt. Aber wenn Willemsen bei seinem jüngsten Talkshowauftritt bei N 24 keinen Fasnachtsgag gemacht hat, dann ist die Sache mit dem Bundespräsidenten Joachim Gauck noch gar nicht so sicher oder zumindest so eindeutig, wie »wir alle glauben«. Nichts genaues sagte Willemsen, aber irgendwie sei da vielleicht doch noch was, das noch niemand auf dem Schirm hat, »Sie werden noch an mich denken!«

Schwer zu sagen, ob hier jemand etwas weiß, ahnt oder nur den öden Talk etwas aufpeppen wollte; man wird wohl zunächst von Letzterem ausgehen müssen. Dennoch fällt es auf, wie nervös auch die konservativen Medien Äußerungen der »Netzgemeinde« zur Personalie Gauck beobachten – und auf Kritik vorbeugend mit großem Kaliber reagieren. Man hatte die Gauck-kritischen Einträge noch gar nicht alle gefunden, als man bereits mit Dementi-Artikeln und den entsprechenden »Tweets« bombardiert wurde.

Den Anfang machte schon am Montag »Cicero«: Gauck »gilt im Internet plötzlich als Antidemokrat, Sarrazin-Freund, Occupy-Gegner und Befürworter der Vorratsdatenspeicherung. Die Mär vom bösen Gauck ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus journalistischer Verkürzung und der rasenden Schnelligkeit des Netzes eine Welle wird. Auf Faktentreue kommt es dabei nicht mehr an«, ist das Magazin bestürzt. Nachdem die dpa bereits am Sonntag erste Online-Absetzbewegungen von Gauck registriert hatte, der noch 2010 als Held des Internets galt. Und die »Welt« legte am Dienstag doppelt nach. »Das Netz hetzt gegen Gauck«, registriert die »kompakt«-Ausgabe. »Wie die Web-User gegen Joachim Gauck ätzen« findet auch die Vollausgabe der Springerzeitung höchst bedenklich. Auch »Stern Online« schreibt über den »Twitterkrieg«.

»Cicero« und »Welt« sind dabei spürbar um Argumente für die »Widerlegung« der Gauck-Kritiker bemüht. Die zitierten Äußerungen seien aus dem Zusammenhang gerissen. Etwa bei der Vorratsdatenspeicherung: »Gauck hatte bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 2010 gesagt, dass er Deutschland trotz Vorratsdatenspeicherung nicht auf dem Weg zu einem Spitzelstaat sehe – aber auch, dass eine Beschneidung von Grundrechten verhältnismäßig sein müsse und die Regierung in der Pflicht sei, ›tragfähige Belege‹ für den Erfolg vorzulegen. Eine klare Zustimmung zur Vorratsdatenspeicherung klingt anders«, findet die »Welt«. Wirklich? Oder klingt so nicht doch eher eine windelweiche Standarddistanzierung?

Oder beim Beispiel der Sarrazin-Unterstützung: Dieser Vorwurf beruhe auf Verkürzung, so die »Welt«, denn im betreffenden »Tagesspiegel«-Interview habe Gauck ja nicht nur den »Mut« Sarrazins gelobt, sondern auch dessen Effekthascherei und biologistische Vereinfachungen kritisiert. Na und? In der »Süddeutschen«, die ihm noch mehr Platz einräumte, spricht Gauck sogar in einem Nebenstrang davon, es gehe ja auch um Abgehängte.

Um im gleichen Interview wiederum Sarrazin zuzugestehen, bestehende Probleme anzusprechen. Was denkt Gauck denn nun? Was genau ist das Problem? Wo ist dementsprechend anzusetzen? Es wird einfach nicht deutlich, was er im Grundsatz dazu zu sagen hat, so wortreich Gauck sich auch verbreitet. Spürbar beigesprungen ist er den Einwanderern in der Sarrazinischen »Integrationsdebatte« jedenfalls nicht.

Die Kampagne gegen den »Shitstorm« gegen Gauck – der Ausdruck ist hiermit zum Wort des Jahres vorgemerkt – schien anfangs sogar erfolgreich. Am Dienstagabend etwa entschuldigt sich eine der ersten Anti-Gauck-Zwitscherinnen wegen ihres vermeintlichen Sarrazin-Missverständnisses sogar. Doch gegen 23 Uhr schlägt das Internet zurück: Der Blog der »Publikative« veröffentlicht in Bild, Ton und Schrift ein Interview, das Gauck »NZZ TV« gegeben hat.

Auf die Frage, ob er wie Wulff den Islam als dazugehörig empfinde, hebt Gauck dort zu einem langen Sermon an, in dem es um das Zulassen von Gefühlen der »Fremdheit« (Islam) und sogar der »Feindschaft« (Kommunismus) geht. Dann spricht er von »Überfremdung (…), um einen Begriff zu verwenden, der in Deutschland verpönt ist, aber ich verwende ihn hier ganz bewusst (…)«. Gauck erspürt ein »tiefes Unbehagen alteingesessener Europäer«. Und plädiert ganz deutlich eher dafür, dieses Gefühl zu respektieren als es abzubauen.

Kurz darauf brummt das Internet wieder. Diese Runde ging nicht an Gauck.

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