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Nachfrage unerwünscht

Von René Heilig

Nazi-Fahnder muss man zum Jagen tragen – der »Fall Krause« ist weiter offen

Deutschlandweit wird – laut Bundeskriminalamt – nach über 150 Rechtsextremisten gefahndet. Der Aufklärungseifer ist trotz der erschreckenden Taten des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) nicht besonders ausgeprägt.

»Das haben Sie uns doch schon mal gefragt, was wollen Sie noch?« Die Stimme des Mannes in der oberfränkischen Polizeibehörde bleibt genervt, obwohl man ihm Ordnung in der Ablage bescheinigt.

In der Tat hatte »nd« Anfang Januar bereits nach dem »Fall Michael Krause« gefragt. Schriftlich. Doch die Antwort konnte nicht befriedigen. Denn urplötzlich »prüfte« der Generalbundesanwalt, ob er den Fall aus dem Jahre 2008 übernehmen will. Und damit war die Nachrichtensperre perfekt. Nach zwei Monaten, so denkt man, könnte die Prüfung beendet sein.

Michael Krause, ein 53-jähriger Mann, der angeblich ebenso arbeits- wie obdach- und kontaktlos war, hatte sich am 25. Mai 2008 einen Schusswechsel mit der Bayreuther Polizei geliefert. Er wurde getötet. In seinem Rucksack fand man Waffen, Schwarzpulver und seltsame Lageskizzen. Als man sie nach langer Zeit quasi durch Zufall dechiffriert hatte, dienten sie als Wegweiser zu zahlreichen Erddepots in Bayern, Sachsen, Thüringen und sogar in Österreich. Darin waren weitere Waffen, Handgranaten sowie Bomben versteckt, die ähnlich jenen waren, die ein »Einzeltäter« 1980 auf dem Münchner Oktoberfest und vermutlich die Zwickauer NSU-Zelle 2004 in Köln gezündet hatten. Auch »Feindnamenslisten« müssen gefunden worden sein. Wer stand darauf, woher stammen die Waffen, wer baute die Bomben?

Die Vorstellung, Krause sei allein verantwortlich, ist zwar aus vielen Gründen absurd, doch praktisch für Nicht-Ermittler. Also fragt man mal in den anderen Ländern nach. Das tat die Erfurter Linksfraktion. Immerhin ist Thüringen das Geburtsland des NSU. Fazit: Das Erfurter Innenministerium sagt, es habe »keine Erkenntnisse«. Minister Jörg Geibert weiß lediglich: »Es wurden acht Depots im Bereich der Polizeidirektion Saalfeld gefunden.«

Komisch: Die besagte Polizeidirektion weiß davon nichts. Dass die Bayreuther Kripo zum Ausheben der Erddepots angereist war, erfährt man auf Umwegen aus dem Erfurter Landeskriminalamt, das die Bayern »mit Kräften« unterstützt hat.

Nächster Versuch: Sachsen. Immerhin hatte die Staatsanwaltschaft Zwickau, also jene am Wohnort der NSU-Zelle, 2007 bereits gegen einen »Michael K.« ermittelt, weil der in der Kfz.-Zulassungsstelle Plauen »Heil Hitler« gebrüllt hatte.

Anfang 2009 assistierte die Polizeidirektion Südwestsachsen den Bayreuthern. Am 28. Mai hob man in Zettlarnsgrün, Gutenfürst und Grobau Erddepots aus. Die Bayern vermerkten damals, man habe »Werkzeug, Kleidung, persönliche Gegenstände, Audioträger und Sprengbehälter« gefunden. Heute will man nicht einmal mehr das bestätigen.

Warum auch? Schließlich hat das bayerische Verfassungsschutzamt den sächsischen Geheimdienstkollegen Ende 2011 Material geschickt, aus dem hervorgeht, dass es »keine Bezüge« zum NSU-Fallkomplex gebe.

Mag sein, nur: Warum liegt der Fall dann noch immer – wie man bei der Polizei in Franken behauptet – beim Generalbundesanwalt? Und was hat der unternommen, um von einer Bundesrepublik in die benachbarte zu schauen? Immerhin ist Michael Krause in Österreich bekannt. Und auch dort gibt es bewaffnete Untergrundnazis. Beispielsweise die »SS-Kampfgemeinschaft Prinz Eugen«, über deren Aktivitäten das Wiener Innen- und das Justizressort weitgehend den Mantel des Schweigens hüllen.

Und nicht nur in Österreich kann man fündig werden, wenn man nach bewaffneten Nazi-Untergrundzellen und deren Verbindungen zum Organisierten Verbrechen suchen würde. Tschechien ist ein Eldorado für Gangster aller Art. Beispiel Cheb. Hier treffen sich Mitglieder der rechtsextremistischen »Münchner Jagdstaffel« zu Schießübungen. Auf dem selben – legal betriebenen – Schießstand, wo man mit Handfeuerwaffen jeder Art und jedes Kalibers für wenige Cent pro Schuss ballern kann, üben auch allerlei Gangster, denen Europol zu gerne Handschellen anlegen würde, weil sie so ziemlich jedes dreckige Gewerbe ausüben: Waffenhandel, Drogenhandel, Mädchenhandel … Reporter des Bayerischen Rundfunks haben sich zwei führende Typen der »Jagdstaffel« – Dominik Baumann und Stefan Reiche – angeschaut. Und sie auf der Seite einer Schweizer Briefkasten-Waffenfirma als Geschäftsführer entdeckt.

Doch das ist ein Fall, der mit dem des toten Michael Krause (vermutlich) nichts zu tun hat. Der Nationalsozialistische Untergrund ist tief und es gibt darin gewiss nicht nur eine mordbereite Zelle.

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