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Freiheitlich, vernünftig, pathetisch – und selbstbewusst bis zur Eitelkeit. Mit Joachim Gauck wird ein Prediger des aufrechten Gangs Bundespräsident. Eine dreißig Jahre währende Beobachtung.

© Wolfgang Kumm/dpa

Joachim Gauck hält am 22.06.2010 im Deutschen Theater in Berlin eine Grundsatzrede.Joachim Gauck hält am 22.06.2010 im Deutschen Theater in Berlin eine Grundsatzrede.

Der erste Eindruck, schon lange her, im September 1983. Das DDR-Regime fand es damals zweckmäßig, zum 500. Geburtstag Martin Luthers einen republikweiten Kirchentag zuzulassen, und zwar in Wittenberg. Abseits der öffentlichen Veranstaltungen trafen sich die Besucher in kleinen Arbeitsgruppen, zu denen westdeutsche Journalisten keinen Zugang hatten. Doch einer der Gruppenleiter scherte sich nicht darum, sagte allerdings seinen Schäfchen: »Unter uns ist einer aus dem Westen, aber der hält dicht.« Am Ende der Tage fragte eine ältere Dame ihre Nachbarin: »Und wer war nu der aus dem Westen?« Die beiden tippten erst mal auf – Joachim Gauck.

Es war nicht nur das dialektfreie Hochdeutsch des Rostocker Pfarrers, das ihn im sächselnden Umfeld der Brüder und Schwestern auffallen ließ, auch nicht nur die bella figura im schwarzen Rollkragenpulli unter der eleganten schwarzen Lederjacke – Existenzialismus pur statt Protestantismus pur. Sondern vor allem seine Art zu diskutieren hob ihn deutlich ab: fern aller Ideologie, abhold jeder politischen Romantik; selbst als Pfarrer ein zwar von einer in Tiefenschichten reichenden Religiosität geprägter Seelsorger und Psychologe, aber doch kaum ein von allen Lehren der Schulweisheit ergriffener Theologe. Was ihn schon damals und seither bewegte: Wie kommt der Mensch zu seinem aufrechten Gang?

Er ist ungemütlich

Genau diese phrasenlose Nüchternheit, die nur an seinem emphatischen Freiheitsbekenntnis ihre Grenze findet, und seine Ungeduld mit reflexgesteuerten Plattitüden und schließlich seine scharfe Witterung für ideologische Restbestände in politischen Klischees lassen jetzt, nachdem die erste Begeisterung über seine Nominierung zum nächsten Bundespräsidenten sich gesetzt hat, seine Gegner, Verächter und Neider mit der üblen Nachrede beginnen: Gauck habe sich etwa mit Thilo Sarrazin gemeingemacht; in Wirklichkeit hatte er sich von dessen biologistischen Thesen distanziert, freilich angemerkt, dieser habe über einige Probleme offener gesprochen als die Politiker sonst. Gauck habe zudem die Occupy-Bewegung als »unsäglich albern« bezeichnet; tatsächlich hatte er dies damit begründet, dass eine »Besetzung« der Banken kein Problem löse – er komme schließlich aus einem Land, in dem die Banken in politischer Hand waren. Gauck habe Margot Käßmann polemisch angegriffen; doch in Wahrheit hatte er deren platten Satz »Nichts ist gut in Afghanistan« und zugleich einen naiven Gefühlspazifismus in einer höchst rationalen Argumentation schrittweise dekonstruiert.

Wer aus Gauck einen Kriegsbefürworter machen will, sollte zuerst sorgfältig nachlesen und -denken. Das gilt auch für Friedrich Schorlemmer, den manche Westler ebenfalls im September 1983 in Wittenberg erstmals zu Gesicht bekamen. Zwar sei es gut, so der eine Bürgerrechtler, nicht ohne Untertöne der Konkurrenz, über den anderen, dass Gauck das Lied der Freiheit singe; aber nun müsse er auch das Lied der Gerechtigkeit erlernen. Welch Unfug, als ob Freiheit ohne Gerechtigkeit je denkbar sei! Aber wer Gerechtigkeit schematisch mit Gleichheit übersetzen möchte, wird bei Joachim Gauck keine platte Zustimmung finden. Aber so kommt es halt, wenn die großen Simplifikateure Gauck einen Simplifikateur nennen.

Kein Populist

Eines ist Gauck jedenfalls nicht, wiewohl zur Popularität durchaus begabt und sie auch durchaus genießend: Er ist kein Populist! Wäre er dies, hätte er es sehr einfach – er bräuchte seinen Kritikern nur nach dem Munde zu reden: scharf gegen Hartz IV, wohlfeil gegen Militäreinsätze, grobschlächtig gegen den Kapitalismus und herablassend gegenüber Parteien an sich. Doch Gauck hat nicht 50 Jahre lang ohne freie Parteien, ohne freie Märkte und ohne freie Meinungen leben müssen, um nun des billigen Beifalls willen das verfassungspolitische Porzellan zu zerschlagen, auf das die freie Gesellschaft noch lange angewiesen bleibt. Kritik an Mängeln jederzeit, Systemwechsel (oder auch nur das Geschwätz darüber) niemals. Und gerade darin macht er es sich weder selbst noch anderen einfach. Ähnlich übrigens wie jener andere große vernunftgeprägte Republikaner aus dem Osten, wie Richard Schröder; beide passten sie weder in die west- noch in die ostdeutschen Schablonen. Und schließlich: Gemütlich ist Joachim Gauck, den sie alle nur Jochen nennen, nicht. Harmlose Gespräche, Plaudereien über Literatur und Kunst, die nicht auch ethische Fragen berühren, sind nicht erinnerlich.

Doch warum geht Jochen Gauck manchen Menschen mit seinem in der Tat sehr prononcierten Freiheitspathos auf die Nerven? Im Osten hören viele eine Kritik daran heraus, dass sie selber vor 1989 für ihre eigene Freiheit zu wenig oder nichts riskiert haben. Im Westen, wo inzwischen die unter Siebzigjährigen keinerlei konkrete Erfahrung mit persönlicher Unfreiheit haben, schwindet das Bewusstsein dafür, dass Freiheit etwas mehr ist als lebensweltliche Beliebigkeit – und dass es in der Tat auch eine Dekadenz der Freiheit geben kann.

Um mitzuempfinden, worin Gaucks geradezu kreatürliches Bedürfnis nach Freiheit wurzelt, muss man gar nicht erst die Geschichten über seinen für vier Jahre nach Sibirien verschleppten Vater lesen oder über die Ausreiseanträge  seiner beiden Söhne, die lieber in den Westen und von den Eltern fort wollten, als weiter an ihrer Entfaltung gehindert zu werden. Es reichte dazu ein Spaziergang mit Gauck in den Rostocker Wallanlagen am 18. Juni 1988 – das war jener Tag, einen Tag nach dem 17. Juni, an dem Helmut Schmidt später vor Tausenden von Menschen in der Rostocker Marienkirche sagen sollte: »Dies ist für Loki und für mich ein Tag der deutschen Einheit!« Während dieses Spazierganges also baute sich ein Mensch von der Stasi vor Gauck und seinem westdeutschen Begleiter auf, unangenehm leise drohend: »Herr Gauck, so geht das nicht. Die Lautsprecher an der Kirche durften allenfalls im Portal aufgehängt werden, aber nicht an den Außenwänden, merken Sie sich das!« Gauck zuckte mit den Schultern – sein Begleiter war froh, nachts wieder in Hamburg zu sein.

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